Fakten und Fiktionen

Politik / 18.02.2015 • 22:40 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Der Beamte an der Passkontrolle im New Yorker JFK Airport fragte, woher wir denn gekommen seien. „Vienna.“ „Aha“, sagte er, ohne aufzuschauen, „Vietnam“. Später, im Taxi: „Where are you from?“ „Switzerland.“ „Sweden?“ „No, Switzerland. But we live in Austria.“ „Aha, Australia.“ Sehr kompliziert. Wir gaben mit einem leisen Seufzer auf, während das gelbe Taxi durch den Schneesturm auf Manhattan zupflügte.

Mit der Geografie nehmen es die meisten Amerikaner nicht so genau, wozu auch, ihr Land ist so groß wie ein ganzer Kontinent, der Rest der Welt ist weit weg. Und wer, Hand aufs Herz, könnte in Europa schon ohne zu überlegen angeben, wo beispielsweise Tennessee liegt.

Genauer hingegen nehmen es die Amerikaner mit den Fakten in ihren Medien, in den renommierteren zumindest. In seinem Spionagethriller „Foreign Correspondent“ lässt Alfred Hitchcock einen gewissen „Mr. Powers“, den Chefredakteur des fiktiven „New York Globe“, einen jungen Reporter am Vorabend des Zweiten Weltkriegs nach Europa entsenden. „Facts“, schärft er ihm ein, gibt ihm den Rat mit auf die Fahrt über den Atlantik, sich stets kompromisslos an die Fakten zu halten.

Vor knapp zwei Wochen stolperte Brian Williams, der führende „Anchorman“ der National Broadcasting Company NBC und zweifellos der zur Zeit berühmteste Nachrichten-Präsentator der USA, über genau dieses Kernstück jedes seriösen Journalismus. Williams, der seit 2004 die prominente Nachrichtensendung „NBC Nightly News“ präsentiert hatte, die Nacht für Nacht bis zu zehn Millionen Zuschauer vor den Bildschirm bannte (und Williams ein Jahresgehalt von zehn Millionen Dollar einbrachte), schilderte am 30. Jänner in seinem Programm einen dramatischen Vorfall, der sich angeblich zu Beginn des Irak-Krieges im Jahr 2003 ereignet hatte: Sein Armeehelikopter wurde beschossen und zu einer Notlandung gezwungen. Dass der Helikopter mit Williams landete, stimmte zwar, doch wurde er weder beschossen, noch war es eine Notlandung, wie Williams, konfrontiert mit den Aussagen amerikanischer Marines, die im nämlichen Helikopter saßen, alsbald zugeben musste. Williams „got carried away“, er ließ sich von der eigenen Fantasie hinwegtragen. Rasch stellte sich heraus, dass Williams mindestens bei zwei weiteren Gelegenheiten mehr als nur geflunkert hatte: Bei seiner Berichterstattung über den Hurrikan Katrina und über die israelische Kampagne gegen den Hisbollah 2006. Facts und Fiction sind zweierlei.

Williams wurde in der Folge von der NBC-Direktion mit einer sechsmonatigen Suspendierung bestraft, weil er, so die offizielle Erklärung, das Vertrauen, das Millionen von Amerikanern in die NBC setzen, gefährdet habe. Ein schwerwiegender Vorwurf, der nach Meinung vieler eigentlich Williams‘ sofortige Entlassung gerechtfertigt hätte. Aber schon dessen Suspendierung war hier, zwischen Washington und New York, tagelang Hauptthema in den Medien, denn diese rigorose Maßnahme samt öffentlicher Infragestellung der Integrität und Glaubwürdigkeit eines Fernsehjournalisten ist in der Geschichte der amerikanischen Nachrichtenmedien einzigartig.

Wir in Europa können uns hingegen am Fall Williams nur ein Beispiel nehmen: Statt der oft illusorischen, oftmals polemischen Forderung nach „Objektivität“ die Forderung nach absoluter Faktentreue, falls die Fakten überhaupt erkennbar sind. Und wenn dies nicht der Fall sein sollte, gilt der eiserne Grundsatz: „If in doubt, leave it out“: Im Zweifelsfall weglassen.

Statt der oft illusorischen Forderung nach Objektivität die Forderung nach absoluter Faktentreue.

charles.ritterband@vorarlbergernachrichten.at
Dr. Charles E. Ritterband ist Journalist und Autor sowie langjähriger
Auslandskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (seit 2001 in Wien).

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