Europa am Limit

Politik / 16.09.2015 • 22:41 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Vor zwei Wochen habe in an dieser Stelle über „Bilder des Grauens“ sinniert: Wann die Veröffentlichung der Fotografien von Opfern menschlicher Untaten oder von Naturkatastrophen ethisch vertretbar und in irgend einer Form sinnvoll sein kann, und wann es sich bloß um Voyeurismus und Geschäftemacherei handelt. Unmittelbar nach Erscheinen dieses Kommentars prangte ein Foto auf den Frontseiten der Medien, das Europa, ja die Welt erschütterte: das Bild des vierjährigen syrischen Buben Aylan Kurdi, dessen Leiche an einem Strand angespült wurde, nachdem das Flüchtlingsboot mit seiner Familie an Bord zwischen der türkischen Küste und der griechischen Insel Kos gekentert war.

Über die Glaubwürdigkeit der inzwischen kursierenden Berichte, dass der Vater des Buben selbst jener Schlepper war, der seine Familie ins Unglück stürzte, soll hier nicht spekuliert werden. Tatsache ist aber, dass dieses Bild erhebliche Wirkungen zeitigte; so hat das Foto laut der britischen Tageszeitung „The Guardian“ den Öffentlichkeitsdruck auf den britischen Premier Cameron derart erhöht, dass er sich veranlasst sah, 20.000 syrische Flüchtlinge ins Land zu lassen: „Großbritannien ist eine moralische Nation und wir erfüllen unsere moralischen Verpflichtungen“, proklamierte Cameron.

In Österreich fielen ebenfalls erfreulich moralische Äußerungen (unter anderem vom Wiener Bürgermeister Häupl – ziemlich mutig angesichts des bevorstehenden Wahlduells mit der FPÖ). Ein humaner Geist der zwischenmenschlichen Solidarität weht nach dem Schrecken des Leichenfundes auf der Ostautobahn und angesichts des Fotos von Aylan Kurdi durch Österreich und Deutschland. Der Begriff „Willkommenskultur“ könnte nunmehr anstelle von „Grexit“ zum Wort des Jahres 2015 werden.

Doch angesichts der immer stärker anschwellenden Flüchtlingsflut kapituliert Europa: Es zeigt, dass die edlen Proklamationen von Solidarität und Humanität nur hohle Worte sind, wenn es wirklich darauf ankommt. Es zeigt seine Unfähigkeit zum gemeinsamen Handeln, wenn die Herausforderung katastrophale Dimensionen annimmt. Es schließt, von Panik erfasst, seine Grenzen und setzt das Schengen-Abkommen, jene einzigartige Errungenschaft des freien, grenzenlosen Europa, bis auf weiteres außer Kraft. „Willkommenskultur“ degeneriert zum bloßen Schlagwort. Die EU, die eine Wertegemeinschaft, weltweites Vorbild und Protagonist der Menschenrechte sein will, ist nach den brüsken Kehrtwendungen der letzten Tage wieder geworden, was sie einst, in ihren Anfängen war: ein erfolgreicher Club emsiger Händler, eine Wirtschaftsgemeinschaft.

Der Begriff Willkommenskultur könnte anstelle von Grexit nunmehr zum Wort des Jahres 2015 werden.

charles.ritterband@vorarlbergernachrichten.at
Dr. Charles E. Ritterband ist Journalist und Autor sowie langjähriger
Auslandskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (seit 2001 in Wien).