Gerold Riedmann

Kommentar

Gerold Riedmann

Papa in America, Benno in Vaticano

25.09.2015 • 21:03 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Die neue Bescheidenheit von Papst Franziskus wird nicht nur daran sichtbar, dass er statt in Prunkgemächern im Gästehaus Sanctæ Marthæ residiert, dass er statt Benedikts roten 1200-Euro-Lederschuhen schlichte Treter bevorzugt oder dass er seine Leibwächter ob großer Nähe zu den Massen regelmäßig ins Schwitzen bringt. Auch auf der aktuellen Auslandsreise Kuba – USA lässt der Papst klare Bilder sprechen. Oft sind es Details, die den Kurs der Mächtigen enthüllen.

Das Kennzeichen SCV1 prangte schon auf vielen Autos. Cadillacs, schwere Geländewagen von Land Rover oder Mercedes-Benz. Diese Woche sah man das berühmte „SCV1“ auf einem ganz speziellen Papamobil in Washington. Vom päpstlichen Alitalia-Flieger setzte sich der Konvoi in Bewegung. Vorneweg ein Polizeiwagen, gefolgt von zwei schwarzen, großen Geländewagen des Secret Service. Dann ein klitzekleiner Fiat 500, der den Heiligen Vater auf der Rückbank beherbergte. Erneut zwei Geländewagen der Personenschützer. Auch wenn man dem Papst unterstellen möchte, schelmischen Gefallen daran zu finden, Protokollgewohnheiten zu brechen, steckt doch viel mehr dahinter. Es ist der neue Kurs der katholischen Kirche.

In den kommenden Wochen steht dieser Kurs in Rom auf dem Prüfstand. Zur Familiensynode hat der Pontifex 200 Bischöfe aus aller Welt nach Rom gerufen. Es geht um die künftige Haltung der katholischen Kirche zu Themen, mit denen sich die Kirche extrem schwer tut. Themen, wie Homo-Ehe oder Kommunion für Wiederverheiratete. Der Feldkircher Bischof Benno wurde in einer geheimen Wahl der Bischöfe als „Österreichischer Gesandter“ bestimmt. Gemeinsam mit Kardinal Schönborn wird er die nächsten Wochen in Rom verbringen.

Eigentlich hätten auch Eheannulierungen diskutiert werden sollen – aber es wäre nicht Franziskus, hätte er nicht zwei Wochen vor der Synode einen Text veröffentlicht, der die bisher geltende Regelung aus dem Jahr 1741 kurzerhand runderneuert. Unter dem Titel „Mitis Iudex Dominus Iesus“ (Der gütige Richter Jesus) schreibt Franziskus, dass das höchste Ziel „die Rettung der Seelen“ sei. Die Bischöfe sollen wörtlich von der Sorge getrieben sein, die verlorenen Seelen zu erreichen. Als erste Konsequenz werden Ehenichtigkeitsverfahren deutlich erleichtert. Natürlich schäumen da Kirchenrechtler. Aber Franziskus ist der Papst. Er kann das. Er hält das aus.

Eigentlich geht es im Oktober in Rom aber darum, ob der konservative Flügel rund um den US-Kardinal Raymond Burke etwas gegen den reformfreudigen Franziskus ausrichten kann. Der liberale Flügel – auch der deutsche Kardinal Reinhard Marx samt unserem Bischof Benno sind flammende Vertreter – hat große Erwartungen an den Veränderungsprozess.

Die Kirche hat die Chance, im Jetzt anzukommen.

Kein Hermelin-Fell, kein Gold. In der einfachen weißen Soutane von Papst Franziskus steckt ein Realist. Und unter dem schlichten Eisenkreuz auf der Brust des Pontifex schlägt das Herz der Veränderung.

Die Kirche hat die Chance, im Jetzt anzukommen.

gerold.riedmann@vorarlbergernachrichten.at, Twitter: @geroldriedmann, Tel. 05572/501-320