Plädoyer für Menschlichkeit

27.09.2015 • 20:54 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Der Papst war in den Vereinigten Staaten, und vieles wird künftig nicht mehr so sein, wie es vorher war. Denn das Oberhaupt der katholischen Kirche veränderte mit Reden im Weißen Haus, im Washingtoner Parlament, und vor Gläubigen und Nichtgläubigen in einer New Yorker Kathedrale, vor den Vereinten Nationen und in einem Gefängnis in Philadelphia die gesellschaftspolitische Landschaft in den USA. Die folgenreichen Spuren seiner öffentlichen Auftritte werden sich schnell durch den US-Präsidentschaftswahlkampf ziehen.

Denn der 78-jährige Mann aus dem Vatikan hat im Washingtoner Kongress faktisch hauptsächlich Partei für den traditionell etwas weniger religiös engagierten liberaleren Bevölkerungsteil und etwas weniger für die demonstrativ gottesfürchtigen Konservativen ergriffen. Mit einem klaren Bekenntnis für eine entschlossene Umweltpolitik, für eine offenere Einwanderungs- und Asylpolitik, mit unverhohlener Kritik an Kapitalismusauswüchsen, mit dem Verlangen nach entschlossener Bekämpfung der Armut und der wachsenden Ungleichheit der Reichtumsverteilung, seiner Warnung, im Kampf gegen den Extremismus nicht die Freiheit zu opfern, mit seiner Ablehnung der Todesstrafe und dem Hinweis auf die verheerenden Folgen des Waffenhandels, hakte der Pontifex die Hauptwahlpunkte der amerikanischen Demokraten ab.

Mit dem Appell zum Schutz des traditionellen Ehebegriffs und des werdenden Lebens in allen Lebensphasen fiel der päpstliche Zuspruch für die US-Republikaner deutlich spärlicher aus. Deren Stimmung wurde schon vorher durch die vatikanische Vermittlung im amerikanisch-kubanischen Dauerstreit und im päpstlichen Segen für das Nuklearabkommen mit dem Iran getrübt; beides sind rote Tücher für die US-Konservativen.

Natürlich hat der Papst keine Divisionen, und er kann seine reklamierten Ansprüche nicht einmal mit angedrohtem Ungemach durchsetzen. Dennoch werden sein Verlangen und Forderungen für die aktuelle politische Entwicklung in den USA und damit auch für den Rest der Welt Folgen haben. Nicht, weil er für die kommenden Präsidentschafts- und Parlamentswahlen eine explizite Wahlempfehlung ausgesprochen hätte, sondern weil er die Proportionen verschoben hat.

Schließlich aber auch, weil er die US-Wähler, die liberalen genauso wie konservativen und die unentschlossenen, zum Nachdenken über die Prioritäten ihres eigenen Lebens und das der wie auch immer definierten größeren Gemeinschaft angeregt hat. Dafür schulden Anhänger aller Religionen und auch alle religionsfernen Menschen dem Mahner aus Rom Dank und Anerkennung.

Das Verlangen und Fordern des Papstes wird für die politische Entwicklung in den USA Folgen haben.

Peter W. Schroeder, Washington