„Aber auch Muslime haben Hunger“

Politik / 28.09.2015 • 22:47 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Leben zwischen hilfreichen Familien und staatlichem Versagen.

athen. Auf der Insel Chios rückt Mutter Vasso schon den dritten Tisch an die verlängerte Familientafel. Eben haben sich noch ein Ehepaar aus Syrien mit Kind und ein Afghane in ihrer zum Garten offenen Küche eingestellt: „Die Christen sind mir lieber“, meint die resolute Haus- und Geschäftsfrau mit ihrer ohnedies samt Eltern, Kindern und Enkeln zehnköpfigen Familie: „Aber auch Muslime haben Hunger!“

Die griechischen Inseln vor der türkischen Küste sind erste Hauptziele für den östlichen Flüchtlingsstrom nach Europa. Im Unterschied zum langen und meist gefährlichen Seeweg von Nordafrika bis Italien sind hier nur wenige Kilometer Meer zu überwinden, Junge und Kräftige kommen sogar schwimmend herüber. „Das ist keine Flucht mehr, sondern die Flut einer Völkerwanderung“, befürchtet Vasso, aber: „Für uns ist das nichts Neues. Großmutter erinnert sich noch, wie vor 90 Jahren Millionen von den Türken vertriebene orthodoxe Griechen praktisch ins Meer geworfen wurden.“

Auf den griechischen Inseln ist daher die private, spontane Aufnahme der vor Tod, Vergewaltigung oder einfach aus dem Elend Fliehenden eine Selbstverständlichkeit. Auf Chios, wo der Export von im ganzen Orient als Zutat zu Speisen und Getränken begehrtem Mastix-Harz weiter floriert, gibt es auch die Mittel und Möglichkeiten dafür.

Weniger gut sieht es auf ärmeren Inseln aus, die unter der griechischen Finanzkrise leiden: Lesbos und Kos vor allem. Aber auch auf Naxos haben sich 85 syrischen Flüchtlingen keine Familien, sondern nur der Fußballplatz geöffnet. Die Polizei hat sie dort regelrecht kaserniert, wenigstens stehen ihnen Waschräume und Toiletten zur Verfügung. Für alles weitere sorgt Bischof Kallinikos Demenopoulos: Bekleidung, Schuhwerk, Betten, Lebensmittel und Medikamente. Regelmäßig besucht er seine Schützlinge, verteilt kleine Geschenke und macht sich Gedanken, wie es weitergehen soll: „Bis in den Oktober hinein reicht es so zur Not. Für die Regenzeit hat mir das Militär Zelte zugesagt.“

Der Platz reicht nicht aus

Von der Insel Samos, wo täglich bis zu 700 Flüchtlinge eintreffen, obwohl nur für 280 Platz ist, werden die Überzähligen täglich mit griechischen Linienschiffen nach dem Athener Hafen Piräus verfrachtet. Früher schaffte man die Eintreffenden vom Hafen in Auffanglager rund um Athen.

Dort herrschten schreckliche Zustände. Griechenlands neue Linksregierung hat zwar die Lager geöffnet und ihre Insassen dürfen sich frei bewegen. Diese Freiheit bedeutet aber auch eigene Nahrungssuche, Hygiene und Fortbewegung. Das griechische Versorgungssystem für die Flüchtlingsströme ist zusammengebrochen. Die fragwürdige Flüchtlingsfreizügigkeit bedeutet auch Vogelfreiheit bei Angriffen von fremdenfeindlichen Schlägertrupps, insbesondere der griechischen Neonazis vom „Goldenen Morgen“.

Mit ihren fünf Kindern steht die in Aleppo ausgebombte Englischlehrerin Mona am Bahnhof von Piräus: „Hier sind wir sicher, haben aber keine Zukunft.“ Mit dem letzten Geld kauften sie Fahrkarten bis Skopje: „Von dort wollen wir uns weiter durchschlagen. Das Traumziel heißt Deutschland!“