Kathrin Stainer-Hämmerle

Kommentar

Kathrin Stainer-Hämmerle

Schicksalswahl

Politik / 06.10.2015 • 22:52 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Der Zweikampf zwischen dem Wiener Bürgermeister Michael Häupl (SP) und seinem Herausforderer Heinz-Christian Strache (FP) überschattet alle anderen Parteien und Themen. Trotzdem oder gerade deshalb bringt die Wahl am Sonntag für alle eine entscheidende Weichenstellung.

SPÖ und ÖVP, die beiden prägendsten Parteien der Zweiten Republik, könnten das erste Mal seit 1945 die gemeinsame Mehrheit verlieren. Was früher der Griff nach der absoluten Mehrheit oder das gemütliche sich Einrichten in der alles umfassenden Zwei-Drittel-Proporz-Koalition bedeutete, endet am 11.10. in Wien. Den beiden lange Zeit staatstragenden Volksparteien geben derzeit die Umfragen gemeinsam nur mehr 47 Prozent.

Für jede Partei einzeln betrachtet wird der Sonntag zur Schicksalswahl. Für die SPÖ steht das rote Wien auf dem Spiel. Mit dem Verlust der absoluten Mehrheit lernte die Bürgermeisterpartei zu leben, und der grüne Koalitionspartner liefert einen nicht unerwünschten modernen Anstrich. Doch das Absinken unter 40 Prozent erschüttert auch die Machtbasis der gesamten Partei und wird bis ins Bundeskanzleramt Wellen schlagen.

Die ÖVP mit ihrem wackeren Spitzenkandidaten Manfred Juraczka hingegen kämpft um magere zehn Prozent. Eine Schwelle, die die Vorarlberger SPÖ bei der letzten Landtagswahl schon unterschritten hat. Doch ohne Vorarlberg lässt sich leben, ohne Wien rückt Platz eins auf Bundesebene in unerreichbare Ferne. Schließlich wohnt beinahe jeder fünfte Wahlberechtigte in Wien.

Heinz-Christian Strache muss das dritte Duell gegen Häupl gewinnen. 2005 wurde sein Anspruch auf den Bürgermeister noch belächelt. 6086 Vorzugsstimmen waren dennoch ein Achtungserfolg im Vergleich zu den 11.168 für Häupl. 2010 endete das Match 9936 zu 12.030. Eine vierte Auflage wird es nicht geben: Die Wiener SPÖ wird dem jetzt schon längstdienenden Bundesparteichef jedenfalls ein frischeres Gesicht gegenübersetzen.

Die Grünen und Maria Vassilakou wollen Juniorpartner bleiben, sind bereit, jeden Preis dafür zu zahlen. Nach dem Scheitern in Oberösterreich geht es auch um ihre Mitregierungsfähigkeit auf Bundesebene. Die Oppositionsrolle ist von der FPÖ monopolisiert, und Stagnation tut keiner Bewegung auf Dauer gut. Bei den Neos mit Beate Meinl-Reisinger geht es hingegen ums politische Überleben. Nach Burgenland, Steiermark und Oberösterreich ausgerechnet im einzigen urbanen Biotop Wien den Einzug zu verpassen, würde Attraktivität, Motivation und finanzielle Ressourcen der Neos bedenklich schmälern.

Die Nerven liegen allerorts blank. Rennen, rennen, rennen heißt es in den Parteizentralen. Mobilisierung um jeden Preis: die eigenen Anhänger, die Unentschlossenen, die Nichtwähler, ja sogar die Stammwähler. Nichts ist mehr sicher in diesen Tagen.

Ohne Vorarlberg lässt sich leben, ohne Wien rückt Platz eins auf Bundesebene in unerreichbare Ferne.

kathrin.stainer-haemmerle@vorarlbergernachrichten.at
FH-Prof. Kathrin Stainer-Hämmerle, eine gebürtige Lustenauerin,
lehrt Politikwissenschaften an der FH Kärnten.