Anti-Antisemit

Politik / 07.10.2015 • 22:25 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Alle Achtung und Hut ab: H.-C. Strache bekennt sich knapp vor der Wiener Wahlentscheidung zum Kampf gegen den Antisemitismus. Und keine Minute zu spät: Laut dem aktuellen Bericht der in Wien domizilierten European Union Agency for Fundamental Human Rights (FRA) hat sich die Zahl der in Österreich registrierten antisemitischen Übergriffe im letzten Jahrzehnt von 17 auf 58 mehr als verdreifacht. Relativ wenig, im Vergleich zu anderen europäischen Ländern, doch klarerweise immer noch 58 zu viel.

Im ORF-Programm „Wien heute“ vom 1. Oktober warnte Strache gemeinsam mit seiner neuen Kampfgenossin Ursula Stenzel vor „einer gefährlichen Entwicklung, wo (sic!) Menschen aus Regionen kommen, die antisemitische Gedanken mitnehmen und oftmals auch den Staat Israel vernichten wollen“. Man müsse Angst haben, dass hier ein neuer Antisemitismus entstehe. „Wir haben eine besondere Verantwortung, dass nie wieder Juden, aber auch andere Menschen hier in Wien aufgrund ihrer Religion Angst haben müssen und attackiert werden.“ Gut gebrüllt, Löwe.

Gilt bald auch für Österreich, was der Community Security Trust (CST) für das Vereinigte Königreich feststellt, wo sich antisemtische Übergriffe im vergangenen Jahrzehnt von 552 auf 1168 mehr als verdoppelt haben? Diese Attacken gingen vor allem auf das Konto von Neonazis, Rechts- und Linksextremen sowie muslimischen Fundamentalisten.

In Großbritannien stellen die Muslime 2,7 Prozent (1,6 Millionen) der insgesamt 60,5 Millionen zählenden Gesamtbevökerung; jüdischen Ursprungs sind lediglich 0,5 Prozent oder knapp 270.000 Personen. In Österreich bekannten sich bereits im Jahr 2011 6,2 Prozent der 8,5 Millionen Einwohner zum Islam, naturgemäß eine weit geringere Gesamtzahl als in Großbritannien, aber ein deutlich höherer Bevölkerungsanteil. Der Prozentsatz wird sich künftig weiter vergrößern.

Dass sich Strache ausgerechnet eine Jüdin als Walküre für die Endschlacht um Wien ins Boot geholt hat, ist bemerkenswert. Zumal Stenzel ihre jüdische Identität bisher immer als Argument gegen die FPÖ eingesetzt hatte, und diese jetzt in einer spektakulären Kehrtwendung just als Argument für die angebliche Respektabilität und somit Wählbarkeit der Freiheitlichen missbraucht.

Straches eigene Leistungen im Kampf gegen den Antisemitismus sind allerdings beachtlich: Abgesehen von seinen zahlreichen und aktenkundigen Kontakten zur Neonazi-Szene setzte er beim Besuch der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als Kopfbedeckung ostentativ seinen Burschenschafter-„Deckel“ auf, ein Symbol rechtsextremer Umtriebe und somit eine offene antijüdische Provokation. Und mit seinen dummdreisten Aussprüchen von den „neuen Juden“ und „das war wie die Reichskristallnacht“ anlässlich des Wiener Korporations-Balls im Jänner 2012 verhöhnte er schamlos sämtliche Holocaust-Opfer. Strache als Anti-Antisemit? Das hieße, den Teufel mit dem Beelzebub austreiben.

Dass sich Strache ausgerechnet eine Jüdin als Walküre für die Endschlacht um Wien ins Boot geholt hat, ist bemerkenswert.

charles.ritterband@vorarlbergernachrichten.at
Dr. Charles E. Ritterband ist Journalist und Autor sowie langjähriger
Auslandskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (seit 2001 in Wien).