Gerold Riedmann

Kommentar

Gerold Riedmann

Wiener Blut

Politik / 09.10.2015 • 22:01 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Wenn am Sonntag die Wiener zur Wahlurne schreiten, ist das Ergebnis so vorherseh- wie vor Kurzem noch unvorstellbar. Die FPÖ kann stärkste Partei werden. Wird es nicht werden, aber hätte können. So nah waren die Freiheitlichen noch nie. Die ÖVP wird einstellig im Ergebnis, verdammt vorerst zur Bedeutungslosigkeit – wie die Roten hierzulande.

Die ÖVP hat es gleich zwei Mal verpasst, Joker auszuspielen. Und das hat Auswirkungen auf die Bundespolitik.

Außenminister Kurz wurde im Wahlkampf zum unsichtbaren Sebastian. Er ist der künftige Superstar der ÖVP, derzeit in einer Art Vorbereitungs-Camp zum Parteivorsitzenden der Herzen und glänzenden Spitzenkandidat. Doch die Zukunftshoffnung hat in der Flüchtlingskrise – wohlgemerkt der größten Prüfung der EU seit Langem – sich leider kein Profil erarbeitet.

Und als ÖVP-Parteiobmann Reinhold Mitterlehner den Meidlinger Liebling der Schwiegermütter zur Spitzenkandidatur in Wien aufforderte, prallte dies an Sebastian Kurz ab wie an Teflon. Verständlich, dass Kurz lieber auf der UN-Bühne in New York tanzt, als in Döbling. Er hält sich lieber als Personalreserve mit Niederösterreich-Fanclub (Erwin!) frisch. Es ist zu befürchten, dass VP-Chef Reinhold Mitterlehner nicht viele Kilometer über den Status eines Übergangs-Parteivorsitzenden hinauskommen wird.

Der zweite Joker wäre der Skandal über das in Gutsherrenart in den Boulevard gepumpte Inseratengeld gewesen, mit dem sich Wiens Bürgermeister Michael Häupl einen guten Ruf im Blätterwald sichert. An den gut gefüllten Futtertrögen sitzen „Krone“, „Heute“ und „Österreich“. Sie verbuchten im zweiten Quartal 2015 rund 14,1 Millionen Euro aus öffentlichen Stellen. Allein die Stadt Wien gab in diesem Zeitraum 13 Millionen aus – mehr als die gesamtösterreichische Presseförderung eines Jahres gesamt. Neos-Kandidatin Beate Meinl-Reisinger wollte das in der unsäglichen TV-Diskussion ohnedies mehrfach ansprechen, wurde dann von ORF-Wien-Chefredakteur Paul Tesarek zurechtgewiesen, dass nun ein anderes Thema zu folgen habe.

Die ÖVP lässt die aus dem Medientransparenzgesetz gewonnenen Zahlen ungenutzt, muss sich deshalb nicht wundern, wenn aus der Wahlschlappe morgen auch eine Obmanndebatte wird.

Und Heinz-Christian Strache, der Fast-Bürgermeister von Wien, lehnt sich zurück und darf die Stärkung durch das Wiener Blut für kommende bundespolitische Agenden genießen. Insofern: Eine Schicksalswahl.

gerold.riedmann@vorarlbergernachrichten.at, Twitter: @geroldriedmann, Tel. 05572/501-320