Terror in Ankara spaltet die Türkei noch weiter

11.10.2015 • 21:32 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Schmerz, Trauer und Wut bei den Überlebenden des Terrors. Bis zu 130 Menschen wurden in Ankara getötet, mehr als 250 verletzt. Foto: Reuters
Schmerz, Trauer und Wut bei den Überlebenden des Terrors. Bis zu 130 Menschen wurden in Ankara getötet, mehr als 250 verletzt. Foto: Reuters

Bis zu 130 Tote bei prokurdischer Demo. Dennoch weitere Luftschläge gegen PKK.

ankara. (VN) Es sollte eine Demonstration für Versöhnung werden, es endete in einer Katastrophe: Präsident Recep Tayyip Erdogan habe das Land in ein „Blutbad“ verwandelt, um sein Präsidialsystem errichten zu können, schrieb die oppositionelle türkische Tageszeitung „Cumhuriyet“ am Sonntag.

Samstagvormittag explodierten in der türkischen Hauptstadt Ankara zwei Bomben vor Beginn einer Friedensdemonstration. Dabei kamen laut unterschiedlichen Quellen zwischen 95 und 130 Menschen ums Leben, mehr als 250 wurden verletzt. Das Attentat ist der verheerendste Terroranschlag in der Geschichte der Türkischen Republik.

Zur Demo hatten linke Gruppen, Gewerkschafter und die prokurdische Partei HDP aufgerufen. Tausende Teilnehmer wollten für eine Fortführung des Friedensprozesses zwischen Ankara und der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK sowie für ein Ende der Gewalt in Kurdengebieten demonstrieren.

Täter und Motive sind noch unklar. Premier Ahmet Davutoglu vermutet zwei Selbstmordattentäter und verdächtigt die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS), die PKK oder linksextreme Terroristen. Laut Medien glichen die verwendeten Sprengsätze jener Bombe, mit der ein Selbstmordattentäter im Juli mehr als 30 Menschen in der Stadt Suruc an der syrischen Grenze getötet hatte, diesen Anschlag schreibt die Regierung dem IS zu.

HDP-Chef Selahattin Demirtas indes nannte die Bluttat einen „Angriff des Staates auf das Volk“. Die islamisch-konservative Führung unter Erdogans AKP habe die Tat „entweder organisiert oder nicht verhindert“. Der Präsident steuere das Land ins Chaos, um seine gefährdete Macht zu sichern. Die AKP und Erdogan wiesen die Vorwürfe zurück, der Präsident versprach rasche Aufklärung.

Neuwahlen am 1. November

In der Türkei finden in drei Wochen, am 1. November, Neuwahlen statt. Bei der letzten Wahl am 7. Juni hatte die AKP die absolute Mehrheit verloren, während die prokurdische HDP es erstmals ins Parlament schaffte.

Seit Wochen fliegt die türkische Luftwaffe Angriffe auf Stellungen des IS und vor allem der PKK in Syrien und dem Irak, gehen türkische Sicherheitskräfte mit Gewalt gegen Kurden in der Türkei vor. Die PKK hat nun mitgeteilt, ihre Angriffe auf türkische Sicherheitskräfte bis zur Neuwahl einzustellen, wenn auch diese ihre Angriffe auf die PKK beenden. Ankara jedoch lehnte prompt ab; die Regierung ordnete am Sonntag eine dreitägige Staatstrauer an und flog erneut Luftangriffe auf die PKK im Irak.

Am Sonntag versammelten sich erneut Tausende Menschen in Ankara, um der Opfer zu gedenken. Sie skandierten: „Dieb, Mörder, Erdogan“. Schon in der Nacht zuvor demonstrierten Tausende Türken in Ankara gegen die Regierung. Sie forderten die PKK auf, Vergeltung zu üben.

Tausende Menschen gingen nach den Anschlägen in Ankara gegen die Regierung auf die Straße. Sie skandierten: „Dieb, Mörder, Erdogan“. AFP
Tausende Menschen gingen nach den Anschlägen in Ankara gegen die Regierung auf die Straße. Sie skandierten: „Dieb, Mörder, Erdogan“. AFP