Abgründiger US-Wahlkampf

Politik / 12.10.2015 • 22:26 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Jedes Volk bekommt die Politiker, die es verdient, lautet ein geflügeltes Wort. Doch aktuell darf die Welt hoffen, dass das nicht stimmt. Denn das gegenwärtige Präsidentschaftsgerangel in den Vereinigten Staaten offenbart schier unfassbare menschliche und moralische Abgründe. Und nicht nur US-Bürgern ist zu wünschen, dass ein paar der Möchtegern-Präsidenten aus der konservativen Republikaner-Riege möglichst schnell von der Bildfläche verschwinden und sie nie und nimmer ihre Hände an die Hebel der Weltmacht bekommen.

Als der Populist Donald Trump den Zuzug „krimineller und vergewaltigender Mexikaner-Horden“ durch den Bau einer 3145 Kilometer langen Neuauflage der Berliner Mauer an der Südgrenze der USA zu verhindern versprach, galt das bei vielen Amerikanern links von der politischen Mitte zuerst als Beitrag zur Volksbelustigung. Der Plan seines Parteifreundes Mike Huckabee, einen „Massenansturm abtreibungswilliger Frauen auf Abtreibungskliniken“ mit US-Militäreinheiten zu verhindern, löste im zumindest derzeit von Hillary Clinton angeführten liberalen Teil der US-Nation konsterniertes Kopfschütteln und im Republikaner-Lager wohlgefällige Zustimmung aus.

Eine zweigeteilte Nation, mit hellem Entsetzen bei den Demokraten und einem „besser früher als später“ bei den Republikanern, zeigte sich auch, als sich Huckabee und einige Mitstreiter für den Einsatz amerikanischer Atombomben gegen „iranische Nuklearwaffen-Bastler“ stark machten. Die Republikaner Jeb Bush und die Ex-Managerin Carly Fiorina berufen sich mit dem Versprechen des Folterns von „Terrorverdächtigen“ auf eine demoskopisch ermittelte Zustimmung der US-Bevölkerungsmehrheit.

Und jetzt kommt der nach Trump gegenwärtig zweitplatzierte republikanische Präsidentschaftsbewerber Ben Carson mit seinem Plan einer privaten amerikanischen Volksbewaffnung daher. Zur Abwehr von Mördern, Terroristen und sonstigen Figuren sollen möglichst alle rechtschaffenen US-Menschen mit Schusswaffen ausgerüstet werden. Zuerst die Betreuer in Kindergärten und Lehrer in Schulen. Eine Waffe in der Hand von Jedermann sei auch ein probates Mittel gegen eine mögliche Unterdrückung durch Staatsorgane.

Denn die Geschichte lehre, dass Diktaturen als erstes der Volksgemeinschaft die Waffen wegnehmen. Paradebeispiel dafür sind laut Carson „Hitlers Nationalsozialisten“, und er schwärmt: Ohne das Waffenverbot des Regimes hätten sich die bedrängten Juden wehren können und es hätte keinen Holocaust gegeben. Dass Vertreter jüdischer Organisationen dies als „derangiert und widerwärtig“ bezeichnen, ist nachvollziehbar.

Was sagt das über die republikanischen Mitstreiter Carsons aus, die ihrem delirierenden Parteifreund nicht die rote Karte zeigen? Was sagt das über die zusammengerechnet rund 70 Prozent der Republikaner-Wähler aus, die dieser irrlichternden Kandidatentruppe zujubeln? Vor allem, dass viele US-Wähler vor sich selbst geschützt werden müssen.

Das gegenwärtige Präsidentschaftsgerangel in den USA offenbart unfassbare menschliche und moralische Abgründe.

Peter W. Schroeder, Washington