Die Macht der Umfragewerte

12.10.2015 • 20:23 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Strache feierte seinen Wahlsieg am Sonntagabend, obwohl er gehofft hatte, dass dieser höher ausfällt.  RTS
Strache feierte seinen Wahlsieg am Sonntagabend, obwohl er gehofft hatte, dass dieser höher ausfällt. RTS

Vom Stamm- zum Stimmungswähler: Nicht nur Prognosen können mobilisieren.

Wien. Es wird alles weitergehen wie bisher, „weil sich in Österreich nicht einmal etwas ändert, wenn ein politischer Tsunami über das Land hereinbricht“, kommentiert die Süddeutsche Zeitung die Ergebnisse der Gemeinderatswahl in Wien. Bürgermeister Michael Häupl (66, SPÖ) hat am Sonntag zwar rund fünf Prozentpunkte verloren. Der prognostizierte Absturz blieb aber aus. Das Ergebnis von 39,4 Prozent überraschte  sogar politische Beobachter und Wahlforscher. Die FPÖ hatte sich trotz ihres Erfolgs mehr erwartet.

Späte Mobilisierung

Lange war ein Duell zwischen Häupl und FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache (46) heraufbeschworen worden. Von der Sozialdemokratie selbst, den Freiheitlichen und ebenso einigen publizierten Umfragewerten. Letztere könnten auch für das Ergebnis verantwortlich sein, glaubt Marktforscher Thomas Schwabl: „Je näher die Umfrage an den Wahltermin rückt, desto stärker wird die Wahlentscheidung der Bürger beeinflusst.“ Anzunehmen sei darüber hinaus, dass eine Mobilisierung bei einem erwarteten knappen Wahlausgang stattfindet, sagt er. Davon habe Häupl profitiert.

Zurückhaltender beurteilt Peter Hajek (41) die Macht der Umfragen. Der Meinungsforscher bezieht sich auf eine Studie aus den 90ern, die besage, dass Wähler durch Prognosen maximal im einstelligen Prozentbereich beeinflusst werden könnten. Das bedeute aber nicht, dass alle in die gleiche Richtung laufen. Hajek würde damit nicht so weit gehen und Umfragen in den letzten Wochen vor dem Urnengang verbieten. Er merkt zudem an, dass es bereits vor rund 15 Jahren eine Abmachung unter den Forschern gegeben habe, drei Wochen vor der Wahl von einer Veröffentlichung der Umfragen abzusehen. Diese sei von den Medien gebrochen worden, indem sie immer wieder um neue Werte angefragt hatten.

Einen größeren Einfluss auf die Wahlprognosen habe vielmehr das veränderte Wahlverhalten. „Früher war die Klassenzugehörigkeit ausschlaggebend. Beamte haben zum Beispiel rot gewählt, Bauern eher schwarz.“ Aus Stammwählern wurden Wechselwähler, aus Wechselwählern wurden Stimmungswähler. Letztere hätten mehr Parteien in ihrem Wahlportfolio und würden am Ende für jene stimmen, die sie emotional abholt, erklärt Hajek.

Ähnlich sieht das Ferdinand Karlhofer (59) vom Institut für Politikwissenschaft in Innsbruck: Bei dem alles überschattenden Thema – der Flüchtlingssituation – seien Emotionen rasch aktiviert und sehr häufig etwa durch Mitleid relativiert worden. Das könne das Wahlverhalten schon beeinflussen.

Strache feierte seinen Wahlsieg am Sonntagabend, obwohl er gehofft hatte, dass dieser höher ausfällt.  RTS
Strache feierte seinen Wahlsieg am Sonntagabend, obwohl er gehofft hatte, dass dieser höher ausfällt. RTS