Nach Ankara ist alles ganz anders

13.10.2015 • 20:55 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Die Proteste gegen das Regime gingen am Dienstag weiter.  AP
Die Proteste gegen das Regime gingen am Dienstag weiter.  AP

Zunehmende Sympathie für Kurden lässt Erdogans Wahlziel in die Ferne rücken.

ISTANBUL. In Istanbul, dem Stimmungsbarometer der Türkei, gingen auch am Dienstag regierungskritische Kundgebungen zum Anschlag auf eine Demonstration von Kurden und Linken in Ankara weiter. Diese hatten am Samstag ein Ende des frischen Schlagabtauschs zwischen dem Regime von Präsident Recep Tayyip Erdogan und der kurdischen Arbeiterpartei PKK unter der Parole gefordert: „Baris hemen simdi – Versöhnung jetzt sofort!“ Stattdessen hatten Selbstmordattentäter ihre Sprengsätze gezündet und den Bahnhofsplatz der türkischen Hauptstadt in ein blutiges Feld von Leichen und Verstümmelten verwandelt.

Das Attentat trägt die Handschrift der Terrormiliz des Islamischen Staats (IS). Dennoch stehen jetzt Schuldzuweisungen an die türkischen Sicherheitskräfte und Präsident Erdogan persönlich im Vordergrund. „Katil devlet – Mörder Staat“ rufen Sprechchöre in Istanbuls Demonstrationsstraße Itiklal, „Katil Erdogan – Mörder Erdogan“ steht auf Transparenten, unter denen die aufgebrachte Menge zum abgeriegelten Taksim-Platz drängt.

Bewusste Kriminalisierung

In der Intellektuellenszene des nahen Cihangir werden dieselben Vorwürfe etwas ruhiger diskutiert. Für Erdogan sei die Kriminalisierung alles Kurdischen und das Anheizen eines türkischen Ultra­nationalismus das Rezept, um nach der Wahlschlappe vom Juni den neuen Urnengang am 1. November zu gewinnen. Bei den Präsidenten-Sympathien für den IS und den engen Kontakten des Geheimdienstes MIT zu den Dschihadisten sei es keine Kunst gewesen, die zwei Auftragsattentäter zu bestellen.

Die ohnedies durch die Journalistenverwarnungen und -verhaftungen der letzten Wochen eingeschüchterten Zeitungen wagen keine solchen Behauptungen. Alle sind sich aber einig, dass der Polizeischutz für die Friedenskundgebung sträflich, wenn nicht absichtlich vernachlässigt war.

Seit dem Blutbad von Suruç im vergangenen Sommer, das ebenfalls jungen Kurden und Linken galt und auf dieselbe Weise verursacht wurde, hätten sogar Blinde sehen müssen, was der Veranstaltung von Ankara bevorstand. Die Polizei allerdings wurde erst nachher aktiv und vertrieb Überlebende brutal vom Schauplatz, verhinderte sogar das Niederlegen von Blumen für die Opfer.

Wenn aber die türkische Führung darauf spekulierte, dass die PKK auf dieses Abschlachten mit erst recht gesteigerten Angriffen reagieren werde, wurde sie enttäuscht. Die kurdischen Aufständischen verkündeten totale Feuereinstellung, um die Toten zu ehren.

Sympathiewelle für Kurden

Der Schwarze Peter für den Mordtag in Ankara wird so nicht mehr den Kurden zuzuspielen sein. Er klebt fest an Erdogans Händen. Der Kurden- und Minderheitenpartei HDP flutet hingegen auch von Türkinnen und Türken eine Welle der Sympathie zu. Diese müsste die HDP eigentlich zu einem Wahlsieg tragen – wenn das Regime überhaupt noch wählen lässt …