Houdini Häupl

Politik / 14.10.2015 • 22:50 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Harry „Handcuff“ Houdini (geboren als Erik Weisz, 1874–1926) wurde wegen seiner sensationellen Auftritte zum Inbegriff des Entfesselungskünstlers. Keiner wurde je wieder in diesem Fach so berühmt wie er. Der legendäre Houdini befreite sich unter polizeilicher Aufsicht Scotland Yard’s aus Handschellen und unter Wasser aus Zwangsjacken, ließ sich gefesselt von Wolkenkratzern abseilen und hielt in gefüllten und versiegelten Milchkannen unglaublich lange den Atem an.

 

„Houdini“ steht seit einem Jahrhundert als Metapher für die nach menschlichem Ermessen unmögliche Befreiung mit eigenen Kräften aus einer (scheinbar) hoffnungslosen Zwangslage. Nach dem Vormarsch der FPÖ in drei Bundesländern, dem Höhenflug der Freiheitlichen in den Meinungsumfragen, der allgemeinen Verunsicherung angesichts der Flüchtlingskrise erschien plötzlich möglich, ja wahrscheinlich, was zuvor im „Roten Wien“ völlig undenkbar war: Dass die FPÖ mit den Sozialdemokraten gleichziehen, ja sie überholen könnte, mit einem Wiener Bürgermeister Strache als Schreckensszenario. Noch am Sonntagnachmittag sprachen die Wählerbefragungen von einem Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen FPÖ und SPÖ, bis der Trend plötzlich kippte und die SPÖ, schwer lädiert zwar, aber doch mit deutlichem Vorsprung vor den Freiheitlichen aus dem Wiener Urnengang hervorging.

 

Häupl, dessen Rücktritt nach einem Wahlsieg der FPÖ eine Gewissheit gewesen wäre, ist wieder einmal mit einem blauen Auge davongekommen. Erneut hat sich gezeigt, dass die in Umfragen geäußerte Präferenz für die FPÖ oft nicht viel mehr signalisierte als eine Unmutsäußerung gegen die Regierungsparteien, dass man sich aber, als man schließlich vor der Wahlurne stand, Strache als Bürgermeister dann doch nicht ganz vorstellen konnte. Wien ist eine Vorzeigestadt mit höchster Lebensqualität, funktionierender Infrastruktur, Kulturleben der Weltklasse, kosmopolitischem Flair. Was will man hier mehr? Zwietracht und Ewiggestrige im Burschenschafter-Outfit? Häupl, der Entfesselungskünstler unserer Tage, Wiener Bürgermeister seit mehr als zwei Jahrzehnten, hat gezeigt, dass man mit klaren Botschaften wie Distanzierung vom Ausländerhass der FPÖ und ein humanitäres Bekenntnis zur Aufnahme von Kriegsflüchtlingen nicht unbedingt Wählerstimmen verlieren muss, sondern im Gegenteil Sympathien in der Bevölkerung erwerben kann. Das Wiener Votum galt allerdings Häupl persönlich und nicht der SPÖ, deren Krise noch lange nicht ausgestanden ist.

Häupl ist wieder einmal mit einem blauen Auge davongekommen.

charles.ritterband@vorarlbergernachrichten.at
Dr. Charles E. Ritterband ist Journalist und Autor sowie langjähriger
Auslandskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (seit 2001 in Wien).