USA tragen keine Verantwortung

Politik / 18.10.2015 • 22:36 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Die Bewältigung der Flüchtlingsflut kostet die Europäer Riesensummen. Wie viel, kann niemand genau sagen. Wie der ganze Problemberg abgebaut werden kann, ist ebenfalls ein riesengroßes Rätsel. Bei alledem wird viel zu wenig diskutiert, wer denn nun wirklich und aus welchen Gründen die exorbitanten Lasten tragen soll.

Zuerst war ja viel von historisch bedingter Verantwortung, von Solidarität und von humanitärer Verpflichtung die Rede. Von reichen Ländern, von europäischer Wiedergutmachung für nicht wirklich wiedergutzumachende Taten der Vergangenheit und vom knackigen „Wir schaffen das schon“.

Die Sache mit der Solidarität und mit der europäischen Wertegemeinschaft bei der Bewältigung eines Riesenproblems ging zuerst zu Bruch: Beim Verteilen der Lasten (und der Flüchtlinge) auf alle EU-Mitgliedstaaten machten und machen etliche EU-Staaten nicht mit. Auch das EU-Mitgliedsland Großbritannien, das sich im EU-Verband regelmäßig aus der Gemeinschaftsverantwortung stiehlt, zeigt die kalte Schulter.

Aber da ist noch jemand, der helfen und mitziehen könnte, sollte und müsste. Das sind die Vereinigten Staaten von Amerika. Jenes Land, das von aller Welt Verantwortungshaftung verlangt. Also Haftung für Schäden und abträgliche Folgen, die ein Staatswesen angerichtet oder zu verantworten hat. Und was haben die USA mit der gegenwärtigen Flüchtlingsflut beispielsweise aus dem Irak, aus Afghanistan, aus Somalia, aus Syrien, dem Jemen und etlichen anderen Ländern zu tun?

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren die USA mithilfe der neu gegründeten Vereinten Nationen (und übrigens auch der Briten beim Zusammenbruch ihres Kolonialreichs) sehr aktiv an reichlich willkürlichen Grenzziehungen und der Bildung neuer Staaten in den jetzigen Krisengebieten beteiligt. Das legte den Keim für vielfältige und gewaltsam ausgetragene ethnische Auseinandersetzungen, an denen sich die USA mal auf der einen und mal auf der anderen Seite aktiv und militärisch beteiligten. Dazu zettelten die US-Amerikaner in jüngster Zeit selbst Kriege an: etwa in Afghanistan und im Irak. Das löste in den Kriegsregionen kriegerische Flächenbrände aus, die sich auf andere Länder wie Syrien ausbreiteten.

Aktuelle Folge: Millionen von Menschen fliehen aus den Kriegsgebieten. Und wohin? In die geografisch nächstgelegenen europäischen Staaten und nicht etwa in die USA. Denn Amerika ist weit weg. In der Flüchtlingstragödie machen sich die Amerikaner zudem ganz klein und entziehen sich der Verantwortung für das von ihnen angerichtete und zumindest mitzuverantwortende Elend. Das ist ein Skandal.

Wer erinnert die Amerikaner daran und verlangt von ihnen zumindest einen finanziellen Beitrag für die europäischen Krisenbewältigungsanstrengungen? Kein europäischer Regierungsvertreter. Das ist ein weiterer Skandal und verlangt nach einer Antwort.

Da ist noch jemand, der helfen und mitziehen könnte, sollte und müsste: die Vereinigten Staaten von Amerika.

Peter W. Schroeder, Washington