Wie lange hält sich Faymann noch?

18.10.2015 • 20:37 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Das Schicksal des 55-Jährigen als Kanzler und SPÖ-Vorsitzender liegt mehr denn je in Häupls Händen.

Wien. Bundeskanzler und SPÖ-Vorsitzender Werner Faymann (55) hätte am Sonntagabend nach der Wiener Gemeinderatswahl gerne mitgefeiert mit seinen dortigen Genossen: Dass es Bürgermeister Michael Häupl (66) geschafft hat, klar vor Heinz-Christian Strache (46) zu bleiben, haben sie kaum fassen können.

Keine Häupl-Umarmung

Entsprechend ausgelassen war die Stimmung in einem Zelt neben dem Burgtheater. Doch Faymann, der sich durch die Menge kämpfte, wollte kaum jemand wahrnehmen. Nicht einmal Häupl umarmte ihn wenigstens kurz für die Fotografen. Also ging er nach wenigen Minuten wieder. Mit allen Gründen, beunruhigt zu sein.

Der Wiener Bürgermeister ist der letzte mächtige Sozialdemokrat. Seit Wochen wird er daher von Parteifreunden bekniet, er möge den Kanzler austauschen. Doch Häupl zögert. Und alle rätseln daher, was es bedeuten soll, wenn er einmal mit Ex-Fernseh-Chef Gerhard Zeiler (60) und ein anderes Mal mit ÖBB-Vorstand Christian Kern (49) an seiner Seite auftritt: Wird er jetzt diesen oder jenen inthronisieren?

Niessl unten durch

Dass er genau das kann, wird von niemandem mehr bezweifelt. Zumal es nur noch zwei weitere Genossen gibt, die als Landeshauptleute über eine Hausmacht verfügen: der Burgenländer Hans Niessl (64) und der Kärntner Peter Kaiser (56). Ihre Landesorganisationen sind jedoch vergleichsweise klein und im Übrigen ist der eine angeschlagen und der andere ausgelastet: Hans Niessl ist in weiten Teilen der Partei unten durch, seit er mit den Blauen koaliert und Peter Kaiser muss die Hypo Alpe Adria abwickeln. Also bleibt Häupl allein übrig.

Gewerkschafter für Kern

Selbst Gewerkschafter schauen zu ihm auf. Und wenn es um die Zukunft der Partei geht, deponieren sie allenfalls noch ihre Wünsche, indem sie für Christian Kern lobbyieren: Als ÖBB-Chef habe er Zehntausenden Eisenbahnern alten Stolz zurückgegeben und beweise immer wieder aufs Neue nicht nur Führungsqualität, sondern auch soziale Kompetenz.

Abgesehen davon beginnen SPÖ-Mitglieder offen den Rücktritt des Kanzlers zu fordern. Einige starteten vor einer Woche eine Online­kampagne: „Lieber Genosse Faymann, um als fortschrittliche, sozialdemokratische Kraft wieder Glaubwürdigkeit zu erlangen, müssen auch äußere Zeichen gesetzt werden“, heißt es darin. Nachsatz: „Es ist Zeit für Dich zu gehen.“ Faymanns Leute antworteten sofort mit einer Gegenkampagne, in der man seinen Kurs gegen Schwarz-Blau unterstützen kann.

Gähnende Inhaltsleere

Werner Faymann werden nicht nur die Wahlniederlagen angelastet, die die SPÖ seit Jahren vom Boden- bis zum Neusiedlersee erleidet. Zumindest ebenso zu schaffen machen ihr und den Funktionären ihre Inhaltsleere: Gerade in Zeiten größter Arbeitslosigkeit wären Perspektiven fürs Sozialwesen, die Wirtschaft und das Bildungssystem gefragt.

Doch dazu ist Kritikern zufolge schon zu lange nichts mehr zu hören von der Parteispitze. Also haben sie die Geduld verloren.