Der Doyen

21.10.2015 • 21:04 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Der Begriff „Doyen“ steht für das rangälteste Mitglied im diplomatischen Corps, das im jeweiligen Staat akkreditert ist; der Begriff findet auch in der Wissenschaft Anwendung, und diese Ehre wird an manchen Theatern wie dem Wiener Burgtheater dem herausragendsten, ältesten Ensemblemitglied zuteil.

Der 1927 geborene Hugo Portisch ist nicht nur, wie eine Zeitung kürzlich schrieb, eine lebende „Journalistenlegende“, er ist auch der Doyen unter den Historikern dieses Landes. Dank seiner Fähigkeit, komplexe historische, politische und wirtschaftliche Zusammenhänge auch für ein breiteres Publikum verständlich und attraktiv darzulegen, ohne die Substanz zu verfälschen, wurde er bald zum unbestritten führenden Geschichtspräsentator dieser Nation. Österreich hing (und hängt) an seinen Lippen: Ich kann mich noch gut an meine Besuche bei den Wiener Großeltern erinnern, die – für mich damals eine große Attraktion – ein Fernsehgerät besaßen. Meine Großmutter ließ buchstäblich alles fallen, wenn Hugo Portisch am Bildschirm auftauchte und ihr die täglich komplizierter werdende Welt erklärte.

Zwölf Jahre musste der erfolgreiche „Ecowin“-Verleger Hannes Steiner darauf warten, dass Hugo Portisch seine Memoiren zu Papier bringt, denn der stets bescheiden auftretende Portisch spricht nur sehr ungern über sich selbst. Er tut es letztlich auch kaum in seinen jetzt erschienenen Lebenserinnerungen unter dem verheißungsvollen Titel „Aufregend war es immer“. Und spannend, aber auch klar und kompakt sind sie in der Tat, diese 384 Seiten Weltgeschichte, denn es ist persönlich erlebte Historie. Dass es ein Dutzend Jahre dauerte, bis dieses Werk auf dem Tisch lag, hat allerdings nicht nur mit Portischs geradezu sprichwörtlicher Bescheidenheit zu tun, sondern auch mit seiner Professionalität. „Check, re-check, double-check“ lautet eine Kapitelüberschrift, und diese journalistische Grundregel war denn auch die Maxime des Autors (und des Verlegers).

Portisch spannt einen weiten welt- und innenpolitischen, aber auch geografischen Bogen in seinen Erinnerungen, die so gut lesbar sind, wie alles, was er je von sich gegeben hat. Das Buch beginnt in seiner Geburtsstadt Bratislava, damals Preßburg und, wie Portisch schreibt, „ein Vorort von Wien“, von dessen Opernhaus bis vor die Wiener Staatsoper man mit der Tram, der „Elektrischen“ fahren konnte, bis Krieg und Eiserner Vorhang die Zwillingsstädte für Jahrzehnte trennten. Von dort führt uns Portisch in die von ihm auf zahlreichen Schauplätzen persönlich bezeugte Weltgeschichte. Anlässlich der Buchpräsentation vor einer knappen Woche rief der „Doyen“ unter den Historikern der Weltgemeinschaft angesichts der Brutalität des IS auf dem nahöstlichen Kriegsschauplatz zu: „Si vis pacem para bellum – wenn du den Frieden willst, rüste zum Krieg!“

Si vis pacem para bellum – wenn du den Frieden willst, rüste zum Krieg!

charles.ritterband@vorarlbergernachrichten.at
Dr. Charles E. Ritterband ist Journalist und Autor sowie langjähriger
Auslandskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (seit 2001 in Wien).