Viel zu lernen

22.10.2015 • 20:54 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Ein abgewählter Politiker ist noch nichts Aufregendes. Aber wenn er aus Japan kommt, Naoto Kan heißt und während der Fukushima-Krise Ministerpräsident war, dann hat er einiges zu erzählen. Er war eine der interessantesten Begegnungen auf der Frankfurter Buchmesse. Seine schlimmen Erinnerungen an die Atomkatastrophe vom 11. März 2011 hat er gerade in dem Buch „Als Premierminister während der Fukushima-Krise“ veröffentlicht. Es gibt viel zu lernen daraus.

Es war 14:26 Uhr. Ein großes Erdbeben führte innerhalb einer Stunde zu Tsunamiwellen an der Ostküste Japans. Die zerstörten das Kühlsystem für die atomaren Brennstäbe. Die katastrophalen Folgen stellten Tschernobyl noch in den Schatten. Der Premierminister wollte vom Chef der japanischen Atomaufsichtsbehörde eine Einschätzung der Lage. Die konnte der aber nicht bieten. Er hatte nur Wirtschaft studiert. Niemand hatte je mit einem Atomunfall gerechnet. Der schien denkunmöglich zu sein. Wie überall.

Der Premierminister ist Physiker. Bis zur Katastrophe war er überzeugter Anhänger der Atomindustrie. Heute hält er sie für brandgefährlich und nicht beherrschbar. Naturkatastrophen könne man nicht verhindern, aber Atomkraftwerke schon. Deshalb sei der Atomausstieg die wichtigste Lehre aus Fukushima. Politiker dürfen nicht immer die volle Wahrheit sagen. Er habe den Kreis für die Evakuierung der Bevölkerung ganz langsam größer ziehen müssen.

Die Experten hätten von Anfang an gefordert, die Umgebung im Umkreis von 250 km zu räumen. Die Leute hätten also auch sofort ihre Hauptstadt Tokyo verlassen müssen. Das hätte bedeutet, dass 50 Millionen Japaner in ihrem eigenen Land herumgeirrt wären. Es gab ja keine Evakuierungspläne. Wie überall.

Naoto Kan hat den Werksleiter und die Mannschaft bekniet, nicht von der Unfallstelle abzuziehen. Sie waren bereit, ihr Leben für die Nation zu opfern. Die ersten Krebsfälle unter ihnen wurden vor wenigen Tagen behördlich festgestellt. Mit Gottes Hilfe, wie der Premierminister sagte, und sehr viel Glück sei damals durch diese Mannschaft die Zerstörung des ganzen Landes verhindert worden.

Der Sozialdemokrat Naoto Kan hat den deutschen Atomausstieg besonders gelobt. Angela Merkel hat wie er Physik studiert. In der Bundesrepublik hat man begriffen, was es bedeutet, wenn über Nacht 50 Millionen Menschen zu Flüchtlingen im eigenen Land werden würden. Die Japaner haben Naoto Kan abgewählt. Die japanische Regierung setzt wieder auf den Bau von Atomkraftwerken. Und sein Büchlein wollen sie auch nicht lesen.

Politiker dürfen nicht immer die volle Wahrheit sagen.

arnulf.haefele@vorarlbergernachrichten.at
Arnulf Häfele ist Historiker und Jurist.
Er war langjähriges Mitglied des Vorarlberger Landtags.