Kathrin Stainer-Hämmerle

Kommentar

Kathrin Stainer-Hämmerle

Null Prozent

27.10.2015 • 21:14 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Traurige Realität im Jahr 2015: Keine einzige Frau findet sich in der neuen oberösterreichischen Landesregierung. Allen Ankündigungen, Versprechen, Proporzregelungen und Vertretungsansprüchen zum Trotz wird in Linz die nächsten sechs Jahre ein Mann als Frauenreferent agieren. Oder doch nicht? Immerhin hat Landeshauptmann Josef Pühringer versprochen, dass bei der nächsten Regierungsumbildung auf jeden Fall eine Frau zum Zug kommt. Vorausgesetzt die Umbildung betrifft seine Partei, die ÖVP. Denn bei den anderen hat Pühringer keinen Einfluss auf die Personalauswahl (schon gar nicht beim neuen Koalitionspartner). Abgesehen davon, dass er sich auch bei der eigenen mit seinem Wunsch nach weiblicher Vertretung nicht wirklich durchsetzen konnte. Geht es um Posten und Macht, sind politische Sonntagsreden über Gleichberechtigung bei allen Parteien schnell heiße Luft.

Die Frage ist auch, wer sich nach dieser Vorgeschichte als Quotenfrau, abhängig von der Gnade der Parteigranden, hergeben wird. Die bisherige Landes­rätin Doris Hummer steht verständlicherweise nicht mehr zur Verfügung. Denn nicht Leistung und Qualifikation waren für die Abwahl Hummers ausschlaggebend, sondern die Ansprüche der Bünde, mit Ausnahme der ÖVP-Frauen natürlich. Aber wenn im Parteivorstand bei der Abstimmung 18 Männer sechs Frauen gegenübersitzen, ist schon einiges über das Gewicht dieser Teilorganisation der ÖVP gesagt.

Was sagt eigentlich der Quotenbauer dazu? Aus Sicht der Partei war es nur logisch, dass knapp drei Prozent der Bevölkerung von einem Vertreter des Bauernbundes repräsentiert werden. Oder die Unternehmer von einem Wirtschaftsbündler. Aber für 52 Prozent der Bevölkerung eine eigene Vertreterin? Lächerlich aus Sicht der Partei, ein Hohn aus Sicht der Wählerinnen. Wen wundert es, wenn es in Zukunft noch schwerer wird, Frauen für Karrieren in der Politik zu begeistern?

Nun werden sich eben Männer um Frauenanliegen kümmern. Das erinnert an alte Zeiten des Patriarchats. Doch selbst bei bestem Willen und Wohlwollen werden sie es nicht können. Denn die Welt der Frauen unterscheidet sich unabhängig von Ideologien von jener der Männer. Viele Sichtweisen, Argumente und Probleme werden nie Eingang in die Regierungssitzungen finden, weil sie einer reinen Herrenrunde gar nicht einfallen. Einseitigkeit tut keiner Diskussion gut.

In der Wirtschaft wurde das bereits erkannt: Nur Vielfalt führt zu Erfolg. Auf die Politik umgelegt, sind möglichst viele Zugänge, Erfahrungen und Hintergründe erforderlich, um zu guten, gerechten Lösungen und einem tragfähigen Konsens zu kommen. Doch nicht nur die inhaltliche Qualität steigt mit der Diversität der beratenden und entscheidenden Gruppe. Auch der Umgang miteinander, der politische Stil verbessert sich in gemischten Teams. Es geht also nicht nur um Gerechtigkeit. Es geht einfach um bessere Politik.

Wer will sich nach dieser Vorgeschichte als Quotenfrau hergeben, abhängig von der Gnade der Parteigranden?

kathrin.stainer-haemmerle@vorarlbergernachrichten.at
FH-Prof. Kathrin Stainer-Hämmerle, eine gebürtige Lustenauerin,
lehrt Politikwissenschaften an der FH Kärnten.