Die große und die kleine Welt

28.10.2015 • 21:46 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Am letzten Freitag traf die große Welt in der Donaumetropole und internationalen Konferenzstadt Wien zusammen: Die Außenminister der USA (Kerry), Russlands (Lawrow) der Türkei (Sinirlioglu) und Saudi-Arabiens (al Jubeir) suchten gemeinsam einen diplomatischen Ausweg aus der Syrien-Krise, dem Auslöser des weiter anschwellenden Flüchtlingsstroms nach Europa und Ursache des schrankenlosen Wütens der Terrormiliz Islamischer Staat.

Einmal mehr, wie seinerzeit beim Treffen Chruschtschow-Kennedy, war Wien für einen historischen Augenblick im Brennpunkt der Weltgeschichte, und wie damals der Kalte Krieg, so konnte auch vergangene Woche das Syrien-Problem keinen einzigen Schritt einer Lösung nähergebracht werden. Immerhin – Dialog ist immer besser als eisiges Schweigen, welches das Misstrauen nährt und Krisen vertieft.

Die Bundeshauptstadt als Bühne der Weltpolitik; und, wenige Kilometer donauaufwärts, die Landeshauptstadt Linz als Schmierenbühne eines Provinztheaters, das peinlich berührt. Symmetrisch zum unwürdigen Schauspiel, das sich vor Kurzem in der Gegenrichtung, östlich von Wien, abgespielt hatte, vollzieht die Regierungspartei gleichsam ohne mit der Wimper zu zucken den Tabubruch: Bündnis mit Straches FPÖ, um die eigene Haut zu retten. Über die Leistungen von Haiders FPÖ und unmittelbar anschließend BZÖ in der Regierung Schüssel muss man wohl keine Worte verlieren, und an den Kosten der populistisch motivierten Misswirtschaft, die der Borderline-Landeshauptmann in Kärnten produziert hatte, leidet das Land, ja die ganze Nation noch heute heftig.

Von der einst geradezu sprichwörtlichen Allmacht der österreichischen Landeshauptleute ist wenig übrig geblieben. Den Landeshauptmännern in Eisenstadt und Linz kann man angesichts dieser verheißungsvollen Allianz nur ein herzliches „Glück auf“ zurufen. Dass der ÖVP-Chef und Vizekanzler Mitterlehner dies nun geschehen ließ (und damit die Grenzen seines Einflusses mehr als deutlich machte) erinnert an die Hilflosigkeit von SPÖ-Chef und Bundeskanzler Faymann, der das Zuwiderhandeln seines burgenländischen Parteigenossen gegen die vor nicht allzu langer Zeit verkündete Maxime („Kein Bündnis mit der FPÖ!“) ebenso widerstandslos hinnehmen musste. Gute Miene zum bösen Spiel, das ist offenbar die einzige Option, die diesen beiden Statthaltern für die eigentlich Mächtigen Pröll und Häupl bleiben. Und selbst die beiden „starken Männer“ der beiden Regierungsparteien hüllen sich in Schweigen. Das weckt ungute Erwartungen, wenn Strache seine Position bis zu den Nationalratswahlen zu halten vermag.

Doch die eigentliche Pointe des Linzer Provinzspektakels ist die fehlende Frau in der Landesregierung: im 21. Jahrhundert ein demokratischer Rückschritt, der zu denken geben sollte.

Im 21. Jahrhundert ein demokratischer Rückschritt, der zu denken geben sollte.

charles.ritterband@vorarlbergernachrichten.at
Dr. Charles E. Ritterband ist Journalist und Autor sowie langjähriger
Auslandskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (seit 2001 in Wien).