Revolution auf leisen Sohlen

01.11.2015 • 21:43 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Revolutionen kommen gelegentlich auf leisen Sohlen daher. Und ehe man/frau sich versieht, ist der Anfang großer Veränderungen da. Hoffentlich solche, die positiv und von längerer Dauer sind.

Beispielsweise bei der amerikanischen „Shop-til-you-drop“-, der Kauf-bis-zum-Umfallen-Mentalität der US-Gesellschaft. Also vom gemeinhin Konsum-Terror genannten Lieblingsfreizeitvergnügen der US-Bürger. Nicht zuletzt deshalb ist die private Pro-Kopf-Verschuldung in den USA auch so hoch wie in keinem anderen Land der Welt. Und dass die Amerikaner Weltmeister bei Offenbarungseiden, bei der (bargeldlosen) Beschaffungskriminalität und bei Banküberfällen sind, hängt wohl auch damit zusammen.

Aber in der Sache tut sich was. Gerade rechtzeitig vor dem „Schwarzen Freitag“, auf den sich immer wieder die amerikanischen Einzelhändler und gefühlte 340 Millionen Amerikaner (also alle) unbändig freuten. Dieser inoffizielle Feiertag findet immer am dritten Freitag im November statt. Mit diesem Tag beginnt das alljährliche Weihnachtsgeschäft. Die Läden öffnen die Türen spätestens um Mitternacht und machen sie frühestens 24 Stunden später für kurze Zeit wieder zu. Wie auf Kommando rasen Millionen los, um Lockangebote mit sagenhaften Preisnachlässen zu ergattern.

Da grapschen und rangeln die Massen. Immer wieder kommt es zu Schlägereien um die billigsten Angebote, Polizisten müssen regelmäßig bei Schusswechseln und Messerstechereien von Entnervten eingreifen, und bedauerlicherweise werden gelegentlich Kaufwillige im Panikgedränge totgetrampelt. Aber nicht deshalb heißt der „Schwarze Freitag“ so, sondern weil der Tag der umsatzstärkste des Jahres ist und die Einzelhändler von diesem Tag an schwarze Zahlen schreiben und Gewinne machen.

„So geht das nicht weiter“, verfügte Jerry Stritzke, der Chef der US-Warenhauskette „REI“ und blies jetzt zur Revolution: „Ich will am ‚Schwarzen Freitag’ keinen einzigen Kunden sehen, die Leute sollen zu Hause bleiben, sich um ihre Familien kümmern oder an die frische Luft gehen.“ Alle 143 Geschäfte des hauptsächlich Sport-, Freizeit- und Bekleidungsartikel anbietenden Unternehmens bleiben deshalb am traditionellen Hauptkampftag des US-Einzelhandels geschlossen. Die 12.000 Beschäftigten dürfen nicht zur Arbeit kommen, und sie werden trotzdem bezahlt. Entgangene Umsätze kümmern den Boss nicht, denn ein bisschen mehr an Lebensqualität sei viel wichtiger.

So sehen Revolutionsakte im Stammland des Kapitalismus aus. Die große Frage ist jetzt nur, ob sich auch andere US-Unternehmen vom Revolutionsbazillus anstecken lassen.

Am ,Schwarzen Freitag‘ rangeln die Massen. Immer wieder kommt es zu Schlägereien um die billigsten Angebote.

Peter W. Schroeder, Washington