Winter-Märchen

Politik / 04.11.2015 • 22:42 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

„Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“, Zitat aus Bertolt Brechts großartiger Hitler-Parodie „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“, das die Metamorphose des bedeutungslosen Versagers Adolf Hitler alias „Arturo Ui“ als Parabel ins Gangstermilieu von Chicago transponiert. Die mahnende Sentenz Brechts aus dem Jahr 1941 ist, leider, gerade heute wieder höchst aktuell – in Österreich, Deutschland und auch anderswo. Die jüngste Affäre um den antisemitischen Ausbruch der (inzwischen ehemaligen) FPÖ-Abgeordneten Susanne Winter zeigt dies deutlich: Es ist nicht das erste und wird voraussichtlich nicht das letzte Mal sein, dass FPÖ-Politikern (und nicht nur ihnen) öffentlich und an Stammtischen übelste antisemitische oder rassistische Jauche aus den Mündern, aus der Feder oder den Laptops quillt. Derartige Vorfälle wiederholen sich mit statistisch erfassbarer Regelmäßigkeit und sind offensichtlich immanent in dieser Partei und wohl auch in der Wählerschaft, die an den Urnen über solche Dinge hinweggeht, oder sie gar gutheißt.

 

Dass der niederösterreichische FPÖ-Chef Christian Höbart trotz seines zynisch-arroganten Postings über Flüchtlinge („eine Bootsfahrt, die ist lustig“) FPÖ-Amtsträger bleibt, sagt alles: Anti-Islamismus, Stimmungsmache gegen Flüchtlinge ist dem Rechtspopulismus der FPÖ höchst willkommen, Antisemitismus ist neuerdings strategisch inopportun und unbequem, zumal sich damit gegenwärtig (vorübergehend?) kaum mehr Wählerstimmen generieren lassen. Doch, man täusche sich nicht: Der Schoß ist fruchtbar noch …

 

Vieles hat sich in den allerletzten Jahren erfreulich geändert in diesem Österreich. Mit der klaren Stellungnahme der sozialdemokratischen Nationalratspräsidentin Doris Bures („Gerade vor dem Hintergrund der österreichischen Geschichte sind wir gefordert, antisemitischer Hetze mit aller Entschiedenheit entgegenzutreten“) stellt sie sich moralisch an die Spitze dieser Nation. Äh: Vermissen wir da nicht eine ebenso deutliche Wortmeldung des Heinz Fischer, der sich als Bundespräsident zu dieser alles andere als parteipolitischen, sondern die Grundprinzipien der Verfassung tangierenden Angelegenheit ex officio zu äußern hätte?

Selbst die „Kronen“-Zeitung, die zu Dichands Zeiten – weil offenbar ihrer Kernleserschaft wohlgefällig – noch ungeschminkte antijüdische Hetze betrieben hatte, gibt sich inzwischen in Sachen Antisemitismus geläutert und kommentiert: Gewissermaßen müsse man der Frau Winter sogar dankbar sein, wenn sie das alte antisemitische Vorurteil verbalisiert und damit alle Zweifel beseitigt habe, wofür sie und offenbar ein Teil der FPÖ stünden. Dass diese Frau weiterhin im Nationalrat sitzen kann, ist ebenso zweifelsfrei eine Schande für diese Nation.

Dass diese Frau weiterhin im Nationalrat sitzen kann, ist eine Schande für diese Nation.

charles.ritterband@vorarlbergernachrichten.at
Dr. Charles E. Ritterband ist Journalist und Autor sowie langjähriger
Auslandskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (seit 2001 in Wien).