Chaos in Sharm el Sheik

06.11.2015 • 21:50 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Ermittler untersuchen noch immer die über den Boden verstreuten Wrackteile der Maschine. Immer mehr Staaten glauben an einen Anschlag. Foto: AP
Ermittler untersuchen noch immer die über den Boden verstreuten Wrackteile der Maschine. Immer mehr Staaten glauben an einen Anschlag. Foto: AP

Ägypten verweigert zusätzliche britische Hilfsflüge. Absturzursache bleibt unklar.

kairo. (VN) Im ägyptischen Sharm el Sheik starten am Freitag nur acht Flüge, um britische Touristen zurück in die Heimat zu bringen. Ursprünglich geplant waren 29, erklärte Ägyptens Luftfahrtminister Hussam Kamal. Ägypten habe der Luftfahrtgesellschaft Easyjet zusätzliche Flüge untersagt, weil die Kapazität des Flughafens in dem Badeort nicht ausreiche. London habe 18 Reisen zur selben Zeit geplant, das Gepäck aber am Boden lassen wollen. Die große Menge an Gepäck behindere jedoch den Airport-Betrieb.

Seitdem britische sowie andere internationale Fluglinien aus Terrorangst ihre Verbindungen mit dem Badort am Roten Meer am Mittwoch vorübergehend unterbrochen hatten, warteten dort etwa 9000 britische Touristen auf ihren Heimflug. Die Regierung in London will rund 20.000 Touristen unter verschärften Sicherheitsvorkehrungen heimholen.

Wie berichtet, vermuten London und Washington, dass der Absturz einer russischen Passagiermaschine von Sharm el Sheik Richtung St. Petersburg mit 224 Insassen durch eine an Bord geschmuggelte Bombe verursacht worden war. Kairo wies dieses am Freitag erneut zurück. Ägypten sehe sich einem „erbitterten Krieg“ ausgesetzt, der dem Land schaden soll, erklärte Kamal. Kreml-Chef Wladimir Putin indes folgte am Freitag den Empfehlungen seines Geheimdienstes und strich bis auf Weiteres alle Flüge in das Land. Moskau hatte bisher die Terrorvermutung Großbritanniens und der USA, wonach wahrscheinlich ein Ableger des Islamischen Staats (IS) für den Absturz verantwortlich ist, nicht geteilt.

In Sharm el Sheik befanden sich am Freitag auch 320 Österreicher, teilte das Außenministerium in Wien mit. Insgesamt seien laut Reiseregistrierungen des Ministeriums derzeit rund 500 Österreicher in ganz Ägypten unterwegs. Ob die Fluggesellschaft Flyniki die für Samstag geplante Chartermaschine vom Boden Sharm el Sheiks abheben lässt, ist noch ungewiss. Im schlimmsten Fall würden Mitarbeiter der Botschaft in Kairo in den Badeort entsandt, um betroffene Österreicher an Ort und Stelle logistisch, etwa bei Umbuchungen, zu unterstützen.

Während die Auswertung der Flugschreiber des abgestürzten Ferienfliegers nach Aussagen von Ermittlern nun die These eines Terroranschlags stützt, machten westliche Geheimdienste erste Angaben zu jener IS-Splittergruppe, die für den Absturz verantwortlich sein könnte.

Autonome Terrorgruppe

„Sinai Province“ geht demnach auf die Gruppe Ansar Beit al-Makdis zurück, die im Vorjahr dem IS die Treue geschworen hat. Diese besteht aus einigen Hundert Kämpfern, die in Kleinstgruppen von fünf bis sieben Männern zusammenarbeiten. Sie sind untereinander kaum vernetzt, um das Risiko von Festnahmen zu verringern.

Als Anführer gilt der 42-jährige Abu Osama al-Masri, ehemaliger Textil-Importeur. Dieser sei vom Islamischen Staat in Syrien ausgebildet und vom irakischen IS-Anführer Abu Bakr al-Bagdadi fasziniert und mit Waffen beliefert worden.

Am Freitag mussten britische Urlauber in Sharm el Sheik beruhigt werden, die vergebens auf einen Heimflug gehofft hatten.  Foto: AP
Am Freitag mussten britische Urlauber in Sharm el Sheik beruhigt werden, die vergebens auf einen Heimflug gehofft hatten. Foto: AP