Gerold Riedmann

Kommentar

Gerold Riedmann

House of Kurz

06.11.2015 • 21:50 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Für Machtmenschen, für Strategen, für Politiker: die US-Serie „House of Cards“ ist für viele im Politbetrieb die seit Langem einzige Fernsehserie, der die Vielbeschäftigten ihre strapazierte Aufmerksamkeit geschenkt haben.

Wie begeht man einen politischen Königsmord? Wie umarmt man seine Feinde, um sie schließlich ins Messer laufen zu lassen und ausschließlich selbst davon zu profitieren? Dieser grandiose Stoff in und um das Weiße Haus ist sinnbildlich geworden für den Politbetrieb – vor allem dafür, wie es hinter den Kulissen abläuft.

Hauptfrage im Machtspiel der Politik: Ist der Kandidat beschädigt – und welches Potenzial misst man ihm zu? Nach diesen Kriterien gibt es in Österreich nur einen Namen: Sebastian Kurz. Er ist völlig unbeschädigt – im Gegenteil. Er vermag es geschickt, sich von der Regierung, der er angehört, zu distanzieren, um im nächsten Moment staatsmännische Wirkung zu entfalten. Er hat sich im Sommer in der Flüchtlingsfrage zurückgehalten, auch weil ihm die Willkommenskultur zu weit ging. Vor allem aber, weil es mit der zerstrittenen Regierung in der Flüchtlingsfrage nichts zu gewinnen gibt. Er spricht über Grenzsicherung, aber nicht im Burgenland oder der Südsteiermark – sondern an den EU-Außengrenzen. Er vertritt eine Linie, die mehrheitsfähig wirkt. Und er gibt den Menschen das Gefühl, etwas bewegen zu wollen, zu können. Apropos: Er bewegt sich auf dem internationalen Parkett mit Bravour, hat sich in kurzer Zeit einen Namen gemacht. Das beantwortet die Frage nach dem Potenzial.

Sebastian Kurz ist der logische nächste Große in der Volkspartei. Der Außenminister wird ganz nach innen dringen. Trotz seiner Jugend hat Kurz bislang keine Fehler gemacht, es sind auch nun keine zu erwarten. Traut man dem aufstrebenden 29-Jährigen einen Königsmord zu? Es stellt sich nur mehr die Frage nach dem Wie, dem Wann.

Wer meint, in der ÖVP, ja in der Regierung herrsche eitel Wonne, der hat wahrlich keinen Einblick. Während die SPÖ nach der ausreichend positiv verlaufenen Wien-Wahl auf Machterhalt und damit ein Durchwurschteln bis 2018 setzt, ist aktuell vor allem auf ÖVP-Seite der Geduldsfaden angespannt. Es wird mittlerweile nicht mehr nur zwischen den Zeilen, sondern mit jedem Satz deutlich spürbar, wie unmöglich die weitere Zusammenarbeit beurteilt wird. Manchmal wird das Zerwürfnis an Haarspaltereien sichtbar. Was man unter einem Zaun zu verstehen hat, ist da noch das kleinste Problem.

Das Verlustrisiko für die ÖVP bei etwaigen Regierungsumbildungen ist aktuell recht gering. Die Frage ist nicht, ob die ÖVP Neuwahlen ausruft, um ihr Glück zu versuchen. Die Frage ist, wann Sebastian Kurz sich zutraut, die ÖVP aus der Krise zu führen.

Trotz seiner Jugend hat Sebastian Kurz bislang keine Fehler gemacht, es sind auch nun keine zu erwarten.

gerold.riedmann@vorarlbergernachrichten.at, Twitter: @geroldriedmann, Tel. 05572/501-320