Abschied vom „Mentor der Nation“

Politik / 10.11.2015 • 21:08 Uhr / 7 Minuten Lesezeit

Der deutsche Altkanzler Helmut Schmidt ist im Alter von 96 Jahren verstorben.

Berlin. Bis zuletzt hatte sein Wort Gewicht. Er stand so über den Dingen, dass er auf jedem Podium seine geliebten Mentholzigaretten rauchen durfte. Und bis zuletzt machte der deutsche Altkanzler Helmut Schmidt aus seiner Unzufriedenheit über die heutige Politik keinen Hehl. „Es zeichnet politische Führer wie Churchill, de Gaulle oder Adenauer aus, dass sie nicht nur die nächste Wahl, sondern auch das langfristig Notwendige im Blick haben“, schrieb er in seinem letzten Buch „Was ich noch sagen wollte“. „Der Trend, nur noch in Legislaturperioden zu denken, hat seither erheblich zugenommen.“

Erinnerung an Idealbesetzung

Im kollektiven Gedächtnis war der SPD-Politiker für viele eine Idealbesetzung als Kanzler, er scheute auch nicht den Konflikt mit seiner Partei, wenn es dem Land diente. Als „Mentor der Nation“ bezeichnete ihn sein langjähriger Weggefährte, der Journalist Theo Sommer. Am Dienstag starb Schmidt im Alter von 96 Jahren.

Mit ihm geht eine der prägenden Figuren der Bundesrepublik, die die Lehren aus der schrecklichen Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs in politisches Handeln umzusetzen versuchte. Schmidt wurde ein Motor der europäischen Einigung. Den Hamburgern ist die Besonnenheit unvergesslich, mit der er in seiner Heimatstadt die Folgen der Flutkatastrophe von 1962 beseitigte. Andere erinnern sich an die Entschlossenheit, mit der er sein Land durch die Stürme nach den Ölpreisschocks steuerte. Für viele bleibt aber auch das Bild des „Mannes von Mogadischu“, der den RAF-Terroristen die Stirn bot.

Und da war noch das Bild der Seite an Seite rauchenden Eheleute Schmidt. 68 Jahre waren sie verheiratet. „Loki war der Mensch in meinem Leben, der mir am wichtigsten war“, sagte er. Sie starb im Herbst 2010, bei der Trauerfeier im Hamburger Michel war Schmidt von Trauer schwer gezeichnet, er trug beide Eheringe an der rechten Hand. 2012 bekannte er sich zu seiner neuen Freundin Ruth Loah, die seit Jahrzehnten zu Schmidts Vertrauten gehörte und ohne die er – wie Schmidt sagte – den Verlust von Loki nicht überlebt hätte.

Achteinhalb Jahre Kanzler

Er und seine Ehefrau hatten in den 70er-Jahren im Zuge des Terrors der Roten Armee Fraktion schriftlich hinterlegen lassen, dass sie sich im Falle einer Entführung nicht gegen inhaftierte Terroristen austauschen lassen wollen. So verfuhr Schmidt auch beim in Köln gekidnappten Arbeitgeber-Präsident Hanns Martin Schleyer, der ermordet wurde. Schleyers Tod lastete zeitlebens schwer auf dem Altkanzler.

Die achteinhalbjährige Kanzlerschaft von 1974 bis 1982 verlief durch äußere Umstände aber eher glanzlos. Es ging weniger um ganz große Weichenstellungen wie bei Willy Brandt und seiner Ostpolitik, Schmidt prägte keine Ära, dafür wurde er später als Altkanzler und Einmischer umso mehr verehrt. Zur Bilanz des „Machers“ gehören allerdings auch Versäumnisse. So konnte er wenig mit der aufkommenden Ökologiebewegung anfangen. Er wurde so zum Geburtshelfer der Grünen in Deutschland.

Der „von Geburt und aus Gesinnung“ überzeugte Hanseat wurde am 23. Dezember 1918 in Hamburg-Barmbek geboren. Seine Eltern drängte er in der NS-Zeit, in die Hitlerjugend eintreten zu dürfen, was sie abblockten. Noch während des Zweiten Weltkriegs heiratete Schmidt Loki, die sich später in Deutschland als Botanikerin und Naturschützerin einen Namen machte. Der erste Sohn starb mit acht Monaten an einer Hirnhautentzündung. Schmidt war zu der Zeit an der Front. Nach kurzer Gefangenschaft studierte er Volkswirtschaft und Staatswissenschaft. 1946 trat er der SPD bei, Tochter Susanne wurde 1947 geboren, 1953 wurde er in den Bundestag gewählt. Kurz nach der Rückkehr nach Hamburg als Innensenator bewies er bei der Sturmflut im Februar 1962 erstmals sein Talent als souveräner Krisenmanager. Danach verlief die Karriere stetig nach oben.

Seine direkte Art brachte ihm schon früh den Spitznamen „Schmidt Schnauze“ ein. Eines seiner berühmtesten Zitate soll seinen politischen „Ziehvater“ Willy Brandt gemünzt gewesen sein: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“, sagte Schmidt einst. Bis zuletzt warnte er vor der Gefahr eines Krieges in Europa, vor allem wegen der Ukraine-Krise. Die heutige Generation müsse aufpassen, nicht wie 1914 wie Schlafwandler in einen großen Krieg zu stolpern.

Helmut Schmidt (1918 – 2015): Der deutsche Altkanzler galt als pragmatischer Macher, der das Land in der schwierigen Phase des RAF-Terrorismus steuerte. Die europäische Einigung war ihm ein Herzensanliegen. Unter Willy Brandt (r.) wurde Schmidt zum Verteidigungs- und später Finanzminister. Als Kanzler machte er sich international einen Namen (unten v.l. Thatcher, Honecker und Reagan). Seine Frau Loki (r.), die er 1942 heiratete, verstarb 2010.

Helmut Schmidt (1918 – 2015): Der deutsche Altkanzler galt als pragmatischer Macher, der das Land in der schwierigen Phase des RAF-Terrorismus steuerte. Die europäische Einigung war ihm ein Herzensanliegen. Unter Willy Brandt (r.) wurde Schmidt zum Verteidigungs- und später Finanzminister. Als Kanzler machte er sich international einen Namen (unten v.l. Thatcher, Honecker und Reagan). Seine Frau Loki (r.), die er 1942 heiratete, verstarb 2010.

Ich verliere mit ihm ein Vorbild und einen Freund, der mich vieles gelehrt, der mein politisches Leben geprägt hat und der mir in vielen Gesprächen Rat und Orientierung gab.

Martin Schulz,

EU-Parlamentspräsident

Chronologie

1918: Am 23. Dezember wird Helmut Schmidt in Hamburg geboren

1939-1945: Soldat im Zweiten Weltkrieg

1942: Heirat mit seiner früheren Klassenkameradin Loki Glaser

1946: Eintritt in die SPD

1962: Als Innensenator in Hamburg macht er sich einen Namen bei der Bewältigung der Flutkatastrophe

1967-1969: Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion

1969-1972: Verteidigungsminister im ersten Kabinett von Willy Brandt

1972: Finanzminister

1974: Wahl zum Bundeskanzler 1977: Die „Rote Armee-Fraktion“ nimmt Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer als Geisel, im Oktober wird die Lufthansa-Maschine „Landshut“ entführt. Schmidt gibt den Forderungen der Terroristen nicht nach. Schleyer wird ermordet, Geiseln der „Landshut“ in Mogadischu werden befreit.

1982: Schmidt wird durch ein Misstrauensvotum gestürzt. Neuer Kanzler wird Christdemokrat Helmut Kohl.

1983: Schmidt wird Mitherausgeber der Wochenzeitung „Die Zeit“.

2010: Am 21. Oktober stirbt Loki Schmidt mit 91 Jahren.

2013: Helmut Schmidt unterstützt – vergeblich – den SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück bei der Wahl.

2015: Schmidt veröffentlicht das sehr persönliche Buch „Was ich noch sagen wollte“.