Kathrin Stainer-Hämmerle

Kommentar

Kathrin Stainer-Hämmerle

Zeitzeugen

Politik / 10.11.2015 • 22:41 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Die Schüler der Madame Anne im gleichnamigen Film beschäftigen sich mit dem Schicksal von jüdischen Kindern in NS-Konzentrationslagern. Durch dieses Projekt werden enttäuschte und aggressive Jugendliche zu einer Klassengemeinschaft, sie finden zu ihrem Mitgefühl gegenüber Ausgegrenzten und schlussendlich auch zu sich selbst. Sie überwinden individuelle und kulturelle Unterschiede, werden widerstandsfähig gegen totalitäre Propaganda und erkennen die verheerenden Auswirkungen von rassistischen und antisemitischen Handlungen in ihrem Umfeld.

Höhepunkt im Film ist die Begegnung mit Léon Zyguel, einem Überlebenden der Gräuel von Auschwitz und Buchenwald. Mit Tränen in den Augen hören die Jugendlichen den Schwur von Buchenwald, in dem es heißt: „Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel. Das sind wir unseren gemordeten Kameraden und ihren Angehörigen schuldig.“ Worte, die nichts an Aktualität verloren haben. Doch Léon Zyguel kann sie nicht mehr vortragen, er ist Anfang dieses Jahres gestorben.

Das leise Verschwinden der Zeitzeugen verändert unseren Bezug zur Vergangenheit, er wird abstrakter. Ein Film hingegen arbeitet mit Emotionen, und Bildung sollte das ebenfalls öfters tun. Denn wir lernen am meisten, wenn uns etwas betrifft und auch betroffen macht. Fakten müssen die Grundlage unserer Urteile bilden, doch Gefühle wecken unser Engagement. Daher arbeiten in der Politik Parteien und Bewegungen gerne mit Emotionen, aber nicht immer mit korrekten Tatsachen, wie die aktuelle Asyldebatte beweist. Das macht das Wissen um historische Zusammenhänge umso wichtiger. Wenn Pegida ihren ausländerfeindlichen Protestmarsch auch am 9. November abhält, sollte uns dies empören. Denn vor 77 Jahren brannten in jener Nacht zahlreiche jüdische Wohnungen, Geschäfte und Bethäuser. Mit den Pogromen der „Reichskristallnacht“ begann der Holocaust. Wenn wir über Flüchtlinge und Bettler reden, dürfen wir nicht vergessen, wie Armut auch unser Leben in Vorarlberg geprägt hat. Wir sollten uns an die Auswanderung nach Amerika ab 1850 erinnern, an die Schwabenkinder bis in die 1950er-Jahre und an einheimische Arbeitslose, die beispielsweise 1937 in Liechtenstein für ein „Bettelunwesen“ sorgten.

Wir lernen nicht automatisch aus der Geschichte. Dies geschieht nur mit einer organisierten Leistung im Bildungssystem und durch ein Zusammenspiel von Fakten, Betroffenheit und Respekt. Heute, am 11.11., ist übrigens nicht nur traditioneller Faschingsbeginn und Höhepunkt des Martini-Gansl-Essens. 1918 wurden an diesem Tag mit dem Waffenstillstand von Compiègne die Kampfhandlungen des Ersten Weltkriegs beendet. 1933 wurde in Österreich die Todesstrafe wieder eingeführt.

Wenn wir über Flüchtlinge und Bettler reden, dürfen wir nicht vergessen, wie Armut auch unser Leben in Vorarlberg geprägt hat.

kathrin.stainer-haemmerle@vorarlbergernachrichten.at
FH-Prof. Kathrin Stainer-Hämmerle, eine gebürtige Lustenauerin,
lehrt Politikwissenschaften an der FH Kärnten.