Welche Werte ?

Politik / 11.11.2015 • 22:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

In den Kinos ist kürzlich ein äußerst beunruhigender Film angelaufen: „Er ist wieder da“ von David Wnendt. Die Satire, Verfilmung des gleichnamigen Romans, lässt Adolf Hitler aus den längst wieder überbauten Ruinen der Reichskanzlei auferstehen und perplex durch das heutige Berlin wandeln. Doch bald wird er in verschiedenen TV-Talkshows angeheuert und umgehend zum Superstar mit unzähligen Facebook-Likes. Den Fernsehleuten ist nicht wirklich klar, ob es sich tatsächlich um den „Führer“ oder bloß um einen brillanten Parodisten handelt. Ebenso wenig wird uns Zuschauern während des ganzen Films klar, ob das Publikum im Studio oder die Passanten auf den Berliner Straßen, die dem wiederauferstandenen Monster begeistert zulächeln, gar zujubeln, und seine irren Reden ganz toll finden, Schauspieler oder „wirkliche“ Menschen sind. Das Lachen bleibt uns jedenfalls bei diesem als Filmkomödie etikettierten Streifen im Halse stecken: „Ein Hitler“ hätte, so die Aussage, heute in Deutschland (und Österreich?) durchaus gute Chancen, umgehend zum Superstar zu mutieren – solange er mit griffigen Parolen um sich wirft. Ob es sich dabei um den echten oder nur einen täuschend echt wirkenden Führer handelt, ist dabei letztlich irrelevant.

Der Film stimmt nachdenklich. Wie gefestigt sind unsere demokratisch-menschenrechtlichen Werte? Können wir sie ohne Zögern aufzählen? Stehen wir voll dahinter? Wie sehr langweilt uns die Demokratie und deren politisches Personal? Wäre da ein „kleiner Hitler“ nicht wesentlich unterhaltsamer? Der Plan von Außenminister Sebastian Kurz, den Flüchtlingen unseren Wertekanon näherzubringen, ist begrüßenswert und eine Notwendigkeit. Menschen, die direkt aus einer Diktatur wie Syrien kommen, in welcher beispielsweise ein als „Antizionismus“ verbrämter, kruder Antisemitismus gepredigt und dem Volk gleichsam mit der Muttermilch eingeflößt wird, muss das Gastland vor Augen führen, dass hier nicht nur Sicherheit und Wohlstand zu erwarten sind, sondern auch das Bekenntnis zu unseren Grundwerten gefordert ist.

Dass diese allerdings auch hier akut bedroht sind, zeigt nicht nur jene Hitler-Parodie, sondern auch die reale politische Entwicklung: Ernsthafte politische Kommentatoren prophezeien einen Kanzler Strache und eine „Dritte Republik“ nach Vorstellung der FPÖ – eine „Demokratur“ nach ungarischem, russischem oder türkischem Muster. Dass Strache nunmehr bei der Kanzlerfrage weit vorn liegt, beweist, dass sich neuerdings viele den Populistenchef mit seinen braunen Flecken als Bundeskanzler durchaus vorstellen können. Und dass die FPÖ bei der Generation zwischen 15 und 34 Jahren mit 19 Prozent an erster Stelle steht, wirft die Frage auf, welchen demokratischen Grundwerten diese jungen Österreicher heute noch verpflichtet sind.

Ernsthafte politische Kommentatoren prophezeien einen Kanzler Strache und eine ,Dritte Republik‘.

charles.ritterband@vorarlbergernachrichten.at
Dr. Charles E. Ritterband ist Journalist und Autor sowie langjähriger
Auslandskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (seit 2001 in Wien).