Eigentlich

Politik / 12.11.2015 • 22:58 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Erstaunlich. Morgen um 10.30 Uhr ist es so weit. Die Landeshauptstadt Bregenz und das Land Vorarlberg laden zur Enthüllung des Widerstandsmahnmals am Sparkassenplatz ein. Es soll an jene Landsleute erinnern, die dem nationalsozialistischen Unrechtsregime den Gehorsam verweigert oder aufgekündigt haben. Das sind Wehrdienstverweigerer und Deserteure, Widerstandskämpfer und Bürger, die gegenüber Verfolgten und Misshandelten trotz Verbots Menschlichkeit geübt haben. So heißt es in der Einladung. In diesem breit gefächerten Angebot kann jeder etwas finden, was ihm passt. Aber eigentlich ist es ein Denkmal für Wehrmachtsdeserteure. Das zeigt schon seine Entstehungsgeschichte.

Am 21. Oktober 2009 haben die Regierungsparteien gemeinsam mit den Grünen im Nationalrat das NS-Aufhebungsgesetz beschlossen. Die Abgeordneten standen auf und applaudierten sich selbst. Urteile gegen Deserteure, Wehrdienstverweigerer, Homosexuelle, Kärntner Partisanen und viele andere NS-Opfer-Gruppen wurden pauschal für nichtig erklärt. Der Vorarlberger Abgeordnete Harald Walser war wesentlich am Zustandekommen dieses Gesetzes beteiligt. Auf seiner Homepage schrieb er: „Was haben so prominente Menschen wie der Schauspieler Fritz Muliar oder der Vater des ehemaligen ÖVP-Spitzenpolitikers Andreas Khol gemeinsam? Oder der ehemalige Obmann des Kameradschaftsbundes, Otto Keimel, und der Vater von Kardinal Schönborn? Richtig: Sie waren Deserteure aus der Wehrmacht.“ Drei Jahre nach der offiziellen Rehabilitierung per Gesetz hat die Stadt Wien das erste Denkmal für Wehrmachtsdeserteure errichtet.

Die jungen Männer, die sich dem nationalsozialistischen Angriffskrieg entzogen haben, wurden nach dem Krieg bei uns nicht sehr hoch geachtet. Es kam auch in Vorarlberg vor, dass noch ihre Kinder auf der Straße bespuckt wurden. Mit dem Deserteursdenkmal werden sie nicht zu Helden hochstilisiert, aber es wird ihnen Respekt gezollt. In unserem Land haben vor allem die Schilderungen Kaplan Emil Bonettis, eines bekennenden Wehrmachtsdeserteurs, dazu beigetragen, dass mehr Verständnis aufkam.

Die offizielle Bezeichnung Widerstandsmahnmal, hinter der die Wehrmachtsdeserteure ein bisschen versteckt werden, war wohl der Preis für das Gelingen des Projekts. Realpolitisch gesehen haben in der schwarz-grünen Koalition der Landeshauptstadt die Grünen die Idee des Deserteursdenkmals geboren und die Schwarzen haben bei der Geburt unter der Bedingung mitgeholfen, dass das Kind einen anderen Namen bekommt. So können wir sogar erleben, dass selbst ein Ensemble der Militärmusik bei der Enthüllung eines Denkmals für Wehrmachtsdeserteure aufspielt.

Eigentlich ist es ein Denkmal für Wehrmachtsdeserteure.

arnulf.haefele@vorarlbergernachrichten.at
Arnulf Häfele ist Historiker und Jurist.
Er war langjähriges Mitglied des Vorarlberger Landtags.