Gerold Riedmann

Kommentar

Gerold Riedmann

Ausnahmezustand

15.11.2015 • 21:14 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Nur wenige Stunden, nachdem die Anschläge verübt wurden, ist vermeintlich alles bekannt, analysiert, auch das Ausmaß der Taten soll fertig eingeordnet sein. Tausendfach in Zeitungskommentaren, Nachrichtensendungen, von Terrorfachleuten und anderen Experten für so ziemlich alles.

Dabei ist es Zeit innezuhalten und einfach zuzugeben, dass wir mit solch barbarischen Taten zunächst emotional überfordert sind. Die Terroristen haben dort unbeteiligte Menschen ermordet, wo diese gerade das süße Leben genossen – und wo der zu erwartende Blutzoll am höchsten war. Restaurants, Cafés, im Stade de France und einer Konzerthalle. Egal wer, Hauptsache möglichst viele. Handyvideos zeigen nun, in welchem Kontext die feigen Schützen im Bataclan mit automatischen Waffen das Feuer eröffneten. Sie verwandelten einen ausgelassenen Abend in ein Massaker. Allein in dem Club nahe der Place de la République mussten in dieser Nacht 80 Menschen das Leben lassen. Es ist nur menschlich, dass wir die Phasen der Trauer durchschreiten – und wir sind noch tief in der Schockstarre.

Eine gewisse Gefahr birgt das deshalb, weil immer in solchen Momenten der Verunsicherung Rechtspolitiker (und wohl auch Mitte-Parteien, die weiter nach rechts rücken werden) nicht konsequent zwischen islamistischem Terror und islamischen Flüchtlingen unterscheiden und fremdenfeindliches Gedankengut besonders gut an den Mann bringen.

Wie geht es nun aber weiter? Natürlich soll das Leben weitergehen wie bisher, das liest man dieser Tage hundertfach, schränkten wir uns ein, hätten die Terroristen gewonnen. Und ja, es sind nicht die Flüchtlinge, die solche Gewalt bringen. Sie sind selbst vor solchen Terrorkommandos geflohen. Das ist alles richtig.

Und doch haben die Anschläge vom vergangenen Freitag, 13. November 2015, Europa ins Mark getroffen. Die Drahtzieher hinter den Terroranschlägen von Paris glauben, die Staaten und Gesellschaftsströmungen Europas auseinandertreiben zu können. Sie wähnen sich in der Sicherheit, dass wir im aus Syrien exportierten Krieg nicht zurückschlagen. Genau diesen Gefallen wird Europa den islamistischen Terroristen nicht tun.

Den IS-Terrorbanden ist jetzt nur mehr mit Entschlossenheit Einhalt zu gebieten. So wie das die internationale Staatengemeinschaft immer gemacht hat, wenn die Sicherheit mehrerer Regionen, ja mehrerer Kontinente auf dem Spiel steht.

Zunächst aber sind die Gedanken bei den Opfern und ihren Familien. Man muss nicht selbst durch die Gassen rund um die Place de la République gelaufen sein. Man muss nicht selbst Konzerte in diesem Viertel der französischen Hauptstadt besucht haben. Aber wer das hat, der fühlt sich in diesen schweren Stunden besonders verbunden mit den unvorstellbar vielen Menschen, die kaltblütig ermordet, von Attentätern mit in den Tod gerissen wurden.

Nicht nur Frankreich ist im Ausnahmezustand.

In diesen Tagen sind wir alle Paris. #JeSuisParis

gerold.riedmann@vorarlbergernachrichten.at, Twitter: @geroldriedmann, Tel. 05572/501-320