What next?

Politik / 18.11.2015 • 22:54 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

„What happens next?“ – „Was geschieht als nächstes?“ lautet die bange Frage auf dem Titelblatt des „Independent“ vom Sonntag, nach einer Nacht des Schreckens, der die zivilisierte Welt aufgewühlt hat. Die britische Zeitung hüllte sich in die sonst hierzulande eher ungeliebten Farben der Trikolore – überall werden jetzt Wahrzeichen blau-weiß-rot angestrahlt, eine Welle weltweiter Solidarität, wie damals, nach den Mordanschlägen vom 7. Januar auf „Charlie Hebdo“. Betroffene, empörte Stellungnahmen sind seit dem Wochenende von Politikern, zahllose kluge Medienkommentare von Journalisten in die Welt gesetzt worden. Fast alles, was da gesagt und geschrieben wurde, war völlig richtig. Doch sämtliche Äußerungen lassen sich auf einen Nenner bringen: Ratlosigkeit.

Tatsache ist, Europa sieht sich gegenwärtig zwei akuten Krisen – potentiellen Katastrophen? – ausgesetzt: Flüchtlingsströme und Terrorwelle. Ebenso klar: Die beiden Phänomene sind kausal aufs Engste verknüpft. Die Flüchtlinge fliehen aus Syrien, einem Land, in dem sie dem doppelten Terror der Dikatur Assad-Diktatur und des mörderischen IS ausgesetzt sind. Und die Zentrale jener Handvoll IS-Terroristen, die es am Wochenende geschafft haben, eine bereits seit Jänner auf hoher Sicherheitsstufe befindliche westeuropäische Hauptstadt lahmzulegen, ja einer ganzen Nation den Ausnahmezustand aufzuzwingen, befindet sich ebenfalls in Syrien. Mehr noch: Einer der getöteten Terroristen war laut Angaben des griechischen Sicherheitsministers Nikos Toskas am 3. Oktober von der Türkei aus zusammen mit 69 Flüchtlingen in einem Boot auf der griechischen Insel Leros eingetroffen.

Der Terrorist trug einen syrischen Pass bei sich, er war ebenso wie die „echten“ Flüchtlinge gemäß EU-Regeln registriert und durch die Personenkontrollen geschleust worden. Generalverdacht also gegen alle Flüchtlinge, die vor demselben Terror fliehen, der jetzt uns alle bedroht? Sollen wir die Notbremse ziehen und die Grenzen dicht machen? Ist das Gefahrenpotenzial, das wir uns dank humanitärer Gesinnung ins eigene Haus holen, überhaupt noch kalkulierbar?

Thema meines letzten VN-Kommentars: Vermittlung unserer demokratischen Werte. Die Syrer, die zu uns kommen, wurden, wie leider anzunehmen ist, mit unversöhnlichem Judenhass indoktriniert.

Die Konzerthalle „Bataclan” im 11. Pariser Arrondissement, wo das schreckliche Massaker vom Freitagabend verübt wurde, war bis vor zwei Monaten und während Jahrzehnten von jüdischen Eigentümern geführt worden. Regelmäßig fanden dort pro-israelische Veranstaltungen statt und auch die Band mit dem makaber-ominösen Namen „Eagles of Death Metal“, die am Schicksalsabend auftrat, hatte Sympathien für Israel bekundet. Kaum verwunderlich, dass bereits 2011 ein Terroraschlag auf das „Bataclan“ geplant war.

Generalverdacht also gegen alle Flüchtlinge, die vor demselben Terror fliehen, der jetzt uns alle bedroht?

charles.ritterband@vorarlbergernachrichten.at
Dr. Charles E. Ritterband ist Journalist und Autor sowie langjähriger
Auslandskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (seit 2001 in Wien).