Gemeinsamer Nenner zur Gesamtschule fehlt

20.11.2015 • 21:23 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Bildungsreform: Die Einschränkung der Modellregion enttäuschte die Vorarlberger Politiker.  Foto: APA
Bildungsreform: Die Einschränkung der Modellregion enttäuschte die Vorarlberger Politiker. Foto: APA

Bildungsreform verhindert Modellregionen: Außerhalb Vorarlbergs reagiert man gelassen.

Wien. (VN-joh) Wiens Bürgermeister Michael Häupl (66, SPÖ) ist zufrieden mit der Bildungsreform. Der Salzburger Landeshauptmann Wilfried Haslauer (59, ÖVP) sieht einen „praktikablen Kompromiss“ und sein Tiroler Amtskollege Günther Platter (61, ÖVP) ist überhaupt voll des Lobes; er spricht von einem „großen Wurf“. Die Reaktionen sind bemerkenswert, hätten die Vertreter der drei Länder doch allen Grund, wie fast alle Politiker Vorarlbergs, enttäuscht zu sein: Wien, Salzburg und Tirol haben ebenfalls eine Modellregion für eine gemeinsame Schule der Zehn- bis 14-Jährigen ins Auge gefasst, wie sie nun ja zumindest flächendeckend verwehrt werden soll.

Weniger Entschlossenheit

Wenn man sich die Verhältnisse in den Ländern aber genauer anschaut, wird nachvollziehbar, warum Häupl und Co. die Bildungsreform nicht in der Luft zerreißen: Im einen Fall hat man sich mit der gemeinsamen Schule noch nicht einmal theoretisch auseinandergesetzt, im anderen ist man gerade wieder davon abgekommen und im dritten handelt es sich um ein Trugbild. Anders ausgedrückt: So weit und entschlossen wie in Vorarlberg ist man nirgends.

In der Bundeshauptstadt ist die Tinte des rot-grünen Koalitionsvertrags noch nicht trocken. Michael Häupl und Co. setzen sich darin erstmals mit einer „Modellregion“ auseinander. Was das genau sein soll, wissen sie selbst noch nicht. Daher kündigen sie an, eine „Projektstudie“ in Auftrag zu geben, die Bedingungen für die Einführung zu klären und auf dieser Grundlage den Bund zu bitten, alles weitere zu ermöglichen. Durch die nunmehrige Bildungsreform wird also gar nichts abgewürgt – weil noch gar nichts vorliegt.

In Salzburg wiederum haben ÖVP und Grüne vor zwei Jahren einen Versuch für die gemeinsame Schule ab 2014/15 angestrebt. Als Standort geprüft wurde der Oberpinzgau. Weil es dort aber keine AHS-Unterstufe gibt, die man hätte einbeziehen können, wurden die Pläne zu den Akten gelegt. Als Kampfansage kann die Bildungsreform also auch in Salzburg nicht wahrgenommen werden.

Bleibt Tirol. Und dort versteht man unter einer Modellregion zur gemeinsamen Schule die Aktion „Kompetenzwerkstatt“ im Zillertal: In den Hauptschulen von Mayrhofen und Umgebung werden seit einem Jahr die Talente und Fähigkeiten der Zehn- bis 14-Jährigen verstärkt gefördert. Zur gemeinsamen Schule fehlt jedoch ein entscheidender Teil: ein Gymnasium. Ein solches gibt es im gesamten Tal nicht. Und daher tun Kinder, die nach der Volksschule zu höherer Bildung streben, nach wie vor das, was schon Kinder vor ihnen getan haben: Sie pendeln ins nächstgelegene Gymnasium nach Schwaz.

Bekenntnis zum Gymnasium

„Alle reden von einer Modellregion und jeder meint etwas anderes“, meinen Zyniker. Und dass die Fronten mit der Zeit aufbrechen werden, wie Häupl erklärt, und die gemeinsame Schule in zehn Jahren möglich wird, glauben nur Optimisten. Pessimisten halten dem jedenfalls zwei ÖVP-Papiere entgegen: Das eine stammt aus dem Jahr 1975 und bestätigt all jene, die sagen, die Trennung in Mittelschüler und Gymnasiasten im Alter von zehn Jahren erfolge zu früh. Die achte Schulstufe sollte den schwarzen Vordenkern zufolge daher „als Zeitpunkt der Entscheidung für die spätere Bildungs- und Berufslaufbahn stärker im Bewusstsein verankert werden“. Durchgesetzt hat sich das nicht. Ganz im Gegenteil: In ihrem neuen Grundsatzprogramm aus dem heurigen Frühjahr bekennt sich die ÖVP mehr denn je zu einem differenzierten Schulsystem – und ausdrücklich auch zum Gymnasium.