Gerold Riedmann

Kommentar

Gerold Riedmann

Wo bleibt der Aufschrei?

20.11.2015 • 21:23 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Die Zeiten, in denen Vorarlberg in Sachen Schulpolitik Fürsprecher oder gar maßgebliche Akteure in Wien hatte, sind lange vorbei. Darüber hat die Präsentation der Bildungsreform diese Woche durch Ministerin Gabriele Heinisch-Hosek und Staatssekretär Harald Mahrer keinen Zweifel gelassen. Eine Absage an die fortschrittliche Vorarlberger Linie. Eine Absage, so kalt wie der aktuelle Wintereinbruch. Ein Nicht-Ernstnehmen, das seinesgleichen sucht. Ein Schlag ins Gesicht. Getroffen hat es nicht irgendwelche reaktionären Kräfte, sondern die Landes-ÖVP, die Regierung, ja alle Parteien. Und, ich meine, vor allem unsere Kinder und Jugendlichen.

Die Vorarbeiten zur Modellregion für eine gemeinsame Schule waren für hiesige Verhältnisse ungewöhnlich aufwendig und äußerst penibel in Angriff genommen worden. Nach einem Rückschlag 2012 (Lustenau wollte keinen Schulversuch) investierte das Land Vorarlberg Zeit und Geld in eine Forschungsinitiative zur Schule der Zehn- bis 14-Jährigen – und Landeshauptmann Markus Wallner stand auch gegen die Parteilinie zum Ergebnis, dass eine gemeinsame Schule in Betracht zu ziehen sei. Während die Bundes-ÖVP den Gymnasial-Traditionalisten die Stange hielt, eine durchaus bemerkenswerte Position. Jetzt allerdings droht sie zum verlorenen Posten zu werden. Statt einer Modellregion, die ein ganzes Bundesland umfasst, soll sich nur eine Schule am neuen Modell versuchen dürfen. Also genau das, was unser Reformpapier nicht empfiehlt.

Und das, obwohl die Modellregion im Regierungsprogramm der schwarz-grünen Landesregierung angedacht ist. Obwohl es einen All-Parteien-Beschluss im Vorarlberger Landtag gibt. 19.700 Vorarlberger Lehrer und Schüler, Eltern wurden befragt. Alles nichts wert?

Hat die Wiener Reformkommission die zwei Vorarlberger Forschungsbände mit insgesamt 312 Seiten nicht gelesen, nicht verstanden?

Wir haben jetzt die Chance, das tradierte Bildungssystem Vorarlbergs behutsam, aber entschlossen zum Besseren zu verändern. Da soll ein bisserl Gegenwind nur zusätzlich motivieren.

Ein lauter Aufschrei der Vorarlberger Politik, allen voran von Landeshauptmann Wallner, wird vermisst. Ein Aufschrei, der über den verschneiten Arlberg zu hören wäre. Doch die Konzentration lag diese Woche wohl auf dem vergleichsweise unspektakulären Landesbudget, anders ist es nicht zu erklären. Denn allen muss klar sein: Immerhin versucht die Bundesregierung die Vorarlberger Arbeit der vergangenen drei Jahre nonchalant vom Tisch zu wischen. Die Enttäuschung, die ÖVP-Bildungslandesrätin Bernadette Mennel direkt am Mittwoch äußerte, bringt uns da leider auch nicht weiter. Aufmüpfigkeit wär’ gefragt – und erneut der Mut, neue Wege in der Bildungspolitik zu gehen, auch wenn das derzeit in der zerrütteten Regierung nicht konsensfähig ist.

Hat die Wiener Reformkommission die zwei Vorarlberger Forschungsbände nicht gelesen?