Die neue ,,Achse des Guten“

Politik / 22.11.2015 • 22:46 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Hallo, ihr gescholtenen Putin-Versteher von Amerika bis Asien und allen Gegenden dazwischen: Ihr könnt ruhig aus der Deckung kommen. Alles ist vergeben und vergessen. Denn die großen Bosse da oben, die Präsidenten, Premiers und die Kanzler, haben ihre Meinung gewechselt und finden Kreml-Boss Putin plötzlich ganz in Ordnung. Sie sind dem Krim-Annektierer und Unruhestifter in der Ukraine nicht mehr richtig böse und loben ihn fürs ISIS-Bombardieren über den grünen Klee. Realpolitik nennt man so etwas.

Besonders die US-Regierungspolitiker machen das „Bäumchen-wechsel-dich“-Spiel vom „aus Freund wird Feind und umgekehrt“ schon sehr lange und oft. Iraks Diktator Saddam Hussein war ja auch mal der mit großzügigen US-Waffenlieferungen gehätschelte dicke Freund Washingtons. Bis es sich die Amerikaner anders überlegten. Im Iran, in diversen mittel- und südamerikanischen sowie asiatischen Staaten erzählen sich die Leute ähnliche Geschichten mit zwischendurch oder am Ende vielen Toten.

Und die Sache mit Wladimir Putin? Dem haben westliche Regierende einstmals das Reformmäntelchen umgehängt. Bis sie dem Regionalkrieger das Ukraine-Ganovenstück übelnahmen, sie darob selbst kräftig mit den Säbeln rasselten und die Gefahr eines Dritten Weltkriegs an die Wände malten. Als dann die Steinzeitterrororganisation ISIS Syrien mit Chaos überzog und Mordschwadrone auch in westlichen Staaten anfingen, ihr Unwesen zu treiben, schickten NATO-Staaten und Russland Bomber los. Die westlichen Staaten zum Ausschalten der ISIS und zur Vertreibung von Morddiktator Assad. Russland zum Kampf gegen die ISIS und um Assad an der Macht zu halten.

Das ISIS-Mordgemetzel in Paris markierte schließlich die neue Epoche von „Freund Putin“. Plötzlich meinen beide Seiten, dass sie die ISIS-Bekämpfung besser gemeinsam als getrennt erledigen können. So als ob man mit immer mehr Bomben auf Syrien wirklich Frieden schaffen kann und der Feuerzauber keineswegs noch mehr ISIS-Barbarei und weitere Wellen von Kriegsflüchtlingen befördern würde. Frankreichs Staatspräsident Hollande reist in dieser Woche zum Kampf-Koordinieren nach Moskau. Und US-Präsident Obama pries den Kreml-Chef als „konstruktiven Partner“. Die neue „Achse des Guten“ sozusagen. Bis auf Widerruf. Und bis wieder so ein neues Realpolitik-Ding kommt.

Etwa die realpolitische Erkenntnis, dass sich alle Beteiligten an der Bomben werfenden Anti-ISIS-Koalition mit größerer Aussicht auf Erfolg auf eine friedliche Lösung konzentrieren sollten. Wenn sich die „Freunde“ eines hoffentlich nicht allzu fernen Tages auf eine Ursachenbeseitigung für Kriegs- und Flüchtlingsgräuel verständigen, werden wir am Ende dann noch alle Putin-, Präsidenten, Premier- und Kanzler-Versteher. Leider gibt es Wunder der Vernunft nur sehr selten.

Das ISIS-Mordgemetzel in Paris markierte schließlich die neue Epoche von ,Freund Putin‘.

Peter W. Schroeder, Washington