Kathrin Stainer-Hämmerle

Kommentar

Kathrin Stainer-Hämmerle

Angst essen Seele auf

24.11.2015 • 21:59 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Brüssel startet mit der höchsten Terrorwarnstufe in die Woche. Die USA geben eine Reisewarnung für die ganze Welt heraus. In Österreich fordert die Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (VP) Hausarrest für Dschihadisten. So schnell hat sich unser Alltag verändert. So schnell sind wir bereit zu Grenzzäunen und Generalverdacht. Familien trauen sich nicht mehr außer Haus. Die Flugreise, den Konzertbesuch begleitet ein mulmiges Gefühl. Männer mit Bärten werden misstrauisch beäugt.

Wir fürchten uns. Die Attentate in Paris trafen uns noch unerwartet und lösten eine Trotzreaktion aus. Bereits am Tag darauf füllten sich Cafés und Bistros wieder. Das französische Fußballnationalteam spielte demonstrativ im Londoner Wembley Stadion und verlor gegen die Engländer 2:0. Doch das Ergebnis war Nebensache, was zählte, war die Marseillaise, die französische Nationalhymne, aus Tausenden Kehlen. Auf Facebook und im realen Leben solidarisierten sich zahlreiche Menschen mit Paris. Angehörige von Valeria Solesin (28) baten einen Iman, die Trauerrede zu halten. „Meinen Hass bekommt ihr nicht“ schrieb Antoine Leiris, Ehemann der ermordeten Hélène (35), und wurde von Hundertausenden gelesen. Aber: Ein Böllerschuss reichte, um am Place de la République eine Panik auszulösen.

In Belgien fehlen diese Trauer und das Mitgefühl. Hier herrscht nur die Angst. Sie wird verstärkt durch das Bewusstsein, dass es genauso Rom, Berlin oder Wien treffen könnte, dass Polizei und Geheimdienste nach Nadeln im Heuhaufen suchen und der Haufen jeden Tag mit jeder neuen Ermittlungsmethode nur größer wird. Uns ist bewusst geworden, dass die Gefahr nicht von außen kommt, sondern aus der Mitte unserer Gesellschaft. Die Mörder von Paris waren vorwiegend Europäer mit Migrationshintergrund. Hier aufgewachsen, hier zur Schule gegangen, hier radikalisiert.

Rainer Werner Fassbinder thematisierte die Abwehr des Fremden 1974 in seinem Film „Angst essen Seele auf“. Seither hat sich aber Entscheidendes verändert: Wir haben unser Gefühl der Unverwundbarkeit verloren und sind mit Attentätern konfrontiert, die sich uns überlegen sehen.

Der IS ist kein Staat, der uns angreift. Trotz aller Kriegsrhetorik des französischen Präsidenten François Hollande findet kein Krieg statt. Es ist Terror. Es ist eine Ideologie, die Jugendliche dazu verführt, unsere Gesellschaft, unsere Freiheiten und unser Vergnügen derart zu hassen, dass sie es zerstören wollen. Auch durch unsere Missachtung wurden sie bereit, dafür ihr eigenes Leben zu opfern. Ein Gegenmittel ist Kommunikation und Vertrauen. Was wir kennen, fürchten wir nicht. Jene, mit denen wir reden, denen wir zuhören, greifen uns nicht an. Das ist eine Hoffnung für unsere Gesellschaft. Denn wenn wir uns nur fürchten, haben die Terroristen ihr Ziel erreicht.

Die Gefahr kommt aus der Mitte unserer Gesellschaft.

kathrin.stainer-haemmerle@vorarlbergernachrichten.at
FH-Prof. Kathrin Stainer-Hämmerle, eine gebürtige Lustenauerin,
lehrt Politikwissenschaften an der FH Kärnten.