Hopp Schwiiz

Politik / 17.12.2015 • 22:46 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Sorgenfalten machen sich breit auf der Stirn der Schweizerfreunde. Wie oft musste man bei uns in den Leserbriefspalten lesen, in der Schweiz sei alles besser. Die Eidgenossen würden mit den Kopftuchträgerinnen unter den Musliminnen strenger verfahren als die Österreicher. Und nun das! Das Schweizer Bundesgericht hat vor wenigen Tagen entschieden, dass islamische Schülerinnen im Unterricht ein Kopftuch tragen dürfen. Geht die Schweiz unter?

Es begann in unserer unmittelbaren Nachbarschaft, in St. Margrethen. Ein bosnisches Mädchen erklärte vor zwei Jahren nach den Sommerferien, es werde fortan auch in der Schule ein Kopftuch tragen. Die Schulgemeinde St. Margrethen hatte aber Kopfbedeckungen jeglicher Art im Unterricht verboten. Daraufhin hat das Mädchen mehrere Monate die Schule geschwänzt. Das Verwaltungsgericht in St. Gallen musste eingreifen. Es entschied, das Mädchen dürfe das islamische Kopftuch in der Schule immer tragen. Die Schulgemeinde St. Margrethen erhob Beschwerde beim Bundesgericht – und verlor.

Vier der fünf Bundesrichter sind der Meinung, das Kopftuchverbot bei unseren Nachbarn sei unverhältnismäßig. Es könne mit der Schuldisziplin oder mit dem gefährdeten Religionsfrieden nicht begründet werden. Auch die Gleichberechtigung von Mädchen und Knaben sei nicht in Gefahr. Die Schule solle das Tragen religiöser Symbole nicht verbieten. Sie solle vielmehr Toleranz lehren.

Die Entscheidung im Namen des Schweizer Volkes ist klar. Aber sie gilt nur für Schülerinnen. Im Jahre 1996 wollte in Genf eine Lehrerin, die zum Islam übergetreten war, die Haare und den Hals mit einem Kopftuch bedecken. Damals entschieden die Bundesrichter, sie müsse das Kopftuch im Unterricht ablegen. Die Neutralität der Schule verpflichte die Lehrkräfte, die religiösen Überzeugungen aller Schüler zu achten. Wenn Lehrkräfte als Vertreter des Staates starke religiöse Symbole tragen, sei diese Neutralität nicht mehr gewährleistet.

Kleidersorgen gibt es aber auch bei männlichen Eidgenossen. Jugendliche aus dem Balkan hatten sich in einer Sekundarschule in Gossau abschätzig über die Schweizer Jödeli-Musig geäußert. Daraufhin kamen zehn eingeborene Schüler im Schwingerhemd zur Schule. Sie wollten zeigen, dass sie stolze Schweizer und patriotisch seien. Das kragenlose Schwingerhemd wird von den Helden des Schweizer Nationalsports Hosalupf getragen. Es ist in Blau und Weiß gehalten und mit Edelweiß-Motiven versehen. Die Lehrerin forderte die Schüler auf, das Edelweiß-Hemd wieder auszuziehen, es sei rassistisch und ausländerfeindlich. Die Blocher-Partei sah in der Haltung der Lehrerin einen unhaltbaren Schweizerhass. Muslimische Mädchen dürften in der Schule Kopftücher aufsetzen, aber jungen Schweizern sei es nicht erlaubt, zur Hose das Edelweiß-Hemd des Schwingerverbandes zu tragen. Der Schwingerverband darf allerdings nicht mit den Schweizer Swingerclubs verwechselt werden. Dort verzichtet man ganz auf Hose, Hemd und Edelweiß.

Vier der fünf Bundesrichter sind der Meinung, das Kopftuchverbot bei unseren Nachbarn sei unverhältnismäßig.

arnulf.haefele@vorarlbergernachrichten.at
Arnulf Häfele ist Historiker und Jurist.
Er war langjähriges Mitglied des Vorarlberger Landtags.