Der Globalterror des IS ufert aus

Politik / 28.03.2016 • 22:48 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Die Bodenerfolge gegen den IS bremsen keine Terrorexpansion.

damaskus. Der Waffenstillstand zwischen den fünf Jahre an der „Städtefront“ Damaskus-Homs-Aleppo kämpfenden Rebellen und den syrischen Regierungstruppen gibt diesen nun freie Hand, sich auf den gefährlichsten Gegner von Präsident Baschar al-Assad und inzwischen der ganzen zivilisierten Welt zu werfen: die Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Schon ist sie aus der antiken Ruinenstadt Palmyra vertrieben, wo ihre Horden Schätze des Weltkulturerbes als „götzendienerisch“ gesprengt und Archäologen zu Tod gefoltert hatten. Jetzt weisen die Panzerspitzen der Regime-Armee Richtung Euphrat auf Raqa und Deir ez-Zor, die IS-Hochburgen im syrischen Osten. Wenn sich Assad auch ihrer bemächtigen kann, wird seine Delegation im April enorm gestärkt nach Genf zur zweiten Runde der Befriedungskontakte zurückkehren. Der militärische Sieg über den IS in Syrien scheint umso gewisser, als inzwischen die Kurden von Norden her starken Druck auf die IS-Verbände ausüben.

Eine ähnliche Konstellation zeigt sich auch im Irak, wo kurdische Milizen beachtliche Bodengewinne in den Sindschar-Bergen erzielen. Gerade die jesidischen Freischaren kämpfen mit gnadloser Erbitterung. War ihre bis auf den alten Zarathustra zurückgehende Religionsgemeinschaft doch 2014 Hauptopfer der stürmischen IS-Expansion mit unsagbaren Gräueltaten. Noch heute stellen Jesiden-Frauen das Gros an Sexsklavinnen zur Beglückung der Dschihadisten. Die irakische Armee kommt bei ihrem Marsch auf Mossul, wo seit bald zwei Jahren IS-Kalif Abu Bakr al-Baghdadi residiert, nicht so gut vorwärts wie drüben in Syrien die Wehrmacht von Assad. Ihr Weg in die nordirakische Metropole führt durch sunnitische Stammesgebiete, wo teils noch immer Saddam Hussein nachgetrauert oder sogar die IS-Schreckensherrschaft den verhassten Schiiten aus Bagdad und dem Süden vorgezogen wird.

Erdogan und der IS

Unsicherheitsfaktor für einen Endsieg über den Islamischen Staat bleibt auch die Haltung der Türkei. Ankara hat mit dem IS wiederholt paktiert, ihn politisch und mit Waffen unterstützt. Wegen des Aufdeckens dieser Lieferungen stehen jetzt in Istanbul zwei prominente Journalisten auf persönliche Anzeige Erdogans als Hochverräter vor Gericht. Türkeis Staatschef beschimpfte am Wochenende den deutschen Botschafter und andere Diplomaten, weil sie sich als Publikum im Gerichtssaal einfanden. So ist Erdogan eine Rettungsaktion für den IS durchaus zuzutrauen.

Doch auch im Fall des Gelingens einer Niederwerfung des Islamischen Staates in Syrien und dem Irak droht die dort herangeschwängerte Terrorideologie global weiterzuwirken. Wie erst vor wenigen Tagen Brüssel und jetzt Lahore gezeigt haben, ist der IS-Virus in der Muslimwelt und ihrer Diaspora längst virulent und entfaltet eine bedrohliche Eigendynamik. Dieser Terror wird sich auch dann und erst recht fortsetzen, wenn es keinen Islamischen Staat am Euphrat und Tigris mehr gibt. Die Siege vor Ort kommen für die Welt zu spät.