„Flüchtlingsnot und Zypernkrise“

Politik / 11.04.2016 • 22:30 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Alexis Galanos war zu Besuch bei Heinz Fischer. Foto: georg gstrein
Alexis Galanos war zu Besuch bei Heinz Fischer. Foto: georg gstrein

Einzelkonflikte ums östliche Mittelmeer wachsen als Flächenbrand zusammen.

Heinz Gstrein

WIEN. Neue Dimensionen des Zypernproblems zeigte österreichischen Politikern, OSZE und UNO in der Bundeshauptstadt der Bürgermeister des türkisch besetzen Famagusta auf, Alexis Galanos.

Sie sind international noch aus Ihrem Wirken als Zyperns Parlamentspräsident bekannt. Was ist Ihre heutige Funktion?

Galanos: Ich bin mit Vertretern der neun seit 42 Jahren türkisch besetzten Stadtgemeinden Nordzyperns nach Wien gekommen. Wir wollten bewusst machen, dass es sich um Kommunen der Europäischen Union handelt, die eine Türkei unter ihrer Besatzung hält, welche gerade jetzt wieder an die Türen der EU klopft, um ihr beizutreten. Die Gemeinde Famagusta war bis zur türkischen Invasion 1974 die zweitgrößte von ganz Zypern. Heute ist sie eine Geisterstadt. Seit Beginn des Besetzung sind ausgedehnte Zerstörungen zu beklagen, von Kirchen, Klöstern, aber auch der Umwelt. Dem Pentadaktylos, dem Fünffingerberg werden tagtäglich seine Finger beschnitten: Es herrscht schrankenloser Raubbau an seinem Gestein, um Baumaterial zu gewinnen. Denn in ganz Nordzypern gibt es heute keinen freien, grünen Flecken mehr. Alles wird verbaut.

Wie sehen Sie die Ergebnisse Ihres einwöchigen Besuchs in Wien?

Galanos: Vom ersten Tag von Zyperns Unabhängigkeit 1960 an besteht besondere Freundschaft mit dem österreichischen Volk. Wir waren und sind zwei neutrale und blockfreie Staaten. Das Bundesheer leistete von 1964 bis 2001 einen entscheidenden Beitrag zur UN-Friedensmission auf der Insel. Bundespräsident Heinz Fischer hatte noch als Präsident des Nationalrats Nikosia besucht, als ich dort Parlamentspräsident war. So gestaltete sich auch unsere Wiederbegegnung besonders freundschaftlich und ergiebig.

Was für eine Vision zur Lösung des Zypernproblems hat sich dabei abgezeichnet?

Galanos: Die Zypernfrage ist heute kein Problem mehr zwischen Griechen und Türken. Sie geht ganz Europa an und hat sich zu einem Teil des Flächenbrandes rund ums östliche Mittelmeer ausgeweitet. Mit der von diesem hervorgerufenen Flüchtlingswelle hält Ankara die EU in einer Art Geiselhaft. Die Krisen der Türkei und rund um sie, ob Kurdenfrage, Syrienkonflikt oder Zypernproblem können nicht mehr einzeln, sondern nur durch eine Art „Paket“ für die ganze Region gelöst werden.

Wie stehen die Zyperntürken dazu?

Galanos: Die heutige zyperntürkische Führung unter dem Liberalen Mustafa Akinci scheint zu einer bundesstaatlichen Wiedervereinigung bereit zu sein. Das eigentliche Sagen hat aber immer Ankara. Dort sehen wir noch immer keine Bereitschaft zum Einlenken.

Hat sich die Haltung der Türkei verschlechtert?

Galanos: Ahmet Davutoglu hatte als Außenminister eine konziliante Diplomatie betrieben. Das hat sich inzwischen geändert. Die Türkei ist nach allen Richtungen aggressiv geworden.

Hängt das mit einem Kurswechsel von Erdogan zusammen?

Galanos: Recep Erdogan war ein anderer als Bürgermeister von Istanbul, als Regierungschef der Türkei und jetzt als ihr Staatsoberhaupt. Wir dürfen die Schuld dafür aber nicht nur bei ihm suchen. Schwäche und Nachgiebigkeit der EU haben zur Präpotenz von Ankara beigetragen.

Sind Sie trotzdem weiter optimistisch?

Galanos: Ja, für eine Zukunft Zyperns als geeinter Vorposten Europas, von Demokratie, Gesittung, Wohlstand und Kultur in einem Umfeld, das dieser Errungenschaften heute mehr denn je bedarf!