Kein Kalter Krieg am Konzil auf Kreta

Politik / 19.06.2016 • 23:20 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Patriarch Bartholomaios nimmt am Konzil auf Kreta teil. Foto: AP
Patriarch Bartholomaios nimmt am Konzil auf Kreta teil. Foto: AP

Die Orthodoxie will sich beim Konzil in Grie­chen­land der Flüchtlingsfrage stellen.

heraklion. Auf der griechischen Insel Kreta hat am Wochenende das Konzil der orthodoxen Christen begonnen. Hier in der Mitte zwischen den beiden großen Routen der „Bootsmigranten“ übers Ägäische und das Libysche Meer, steht ein Beitrag der Orthodoxie zur Lösung oder wenigstens Milderung dieses wachsenden humanitären Problems im Mittelpunkt der Debatten.

55 Jahre haben die Orthodoxen gebraucht, um diese „Heilige und Große Synode“ auf die Beine zu stellen. Aber immer noch war beim Eröffnungsgottesdienst der neue orthodoxe Ostblock Putins aus Russen, Georgiern, Bulgaren und arabischen Orthodoxen nicht vertreten. Doch besteht begründete Aussicht, dass diese ultrakonservative Kirchengruppe wenigstens Beobachter entsenden oder zumindest nachträglich die Beschlüsse von Kreta akzeptieren wird. Also Hoffnung, dass der neue Kalte Krieg zwischen Ost und West nicht jetzt eine Orthodoxie zerspaltet, die kein Eiserner Vorhang zu trennen imstande war.

„Konzilschwänzer“

Gekommen sind jedenfalls die Vertreter der anderen Christen mit dem römischen „Einheitskardinal“ Kurt Koch an der Spitze. Getragen von der Einsicht, dass angesichts der ausufernden Völkerwanderung Richtung Mittel- und Nordeuropa alle Kirchen zusammenspanen müssen. Diese „Flüchtlingsökumene“ hatten die „Konzilsschwänzer“ aber zu einem Vorwand für ihr Ausbleiben gemacht.

Dem bulgarischen Patriarchen Neofit, der in letzter Minute auch nicht zum „Ketzerkonzil“ nach Kreta kommen wollte, blieb so nicht erspart, daß er daheim einen Gay-Pride-Aufmarsch erleben musste, der am Samstag unter seiner Nase durchs Zentrum von Sofia stampfte. Empört erklärte er: „Wir leben in einer Zeit, da die moralischen Werte, die den Menschen jahrhundertelang als verlässliche Orientierung gedient haben, als Säule der Moral und Zusammenhalt der Gesellschaft, leichtfertig und planmäßig verändert und verworfen werden.“

Für das Konzil war ursprünglich eine Verurteilung jeder Diskriminierung von Homosexuellen vorgesehen. Doch wurde dieser Entwurf durch genau jene Kirchen Russlands, Georgiens, Bulgariens und des Nahostpatriarchats Antiochia mit Sitz in Damaskus zu Fall gebracht, die jetzt beim Konzilsbeginn durch Abwesenheit glänzten.

In seiner Eröffnungsrede am Sonntag betonte der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. von Konstantinopel, dass die Orthodoxie der heutigen Menschheit und damit der Welt von Morgen eine Antwort auf ihre vielen brennenden Fragen nicht schuldig bleiben darf. Der Not der Flüchtlinge vor Krieg und Terror könne keine auch noch so große und reiche Kirche materiell abhelfen. Sie müsse jedoch endlich imstand sein, diesen verzweifelten Menschen wieder seelische Kraft und Zuversicht zu geben.

Freund von Vorarlberg

Am Samstag, dem orthodoxen Allerseelen, hatte unter Leitung des Patriarchen von Alexandria und ganz Afrika, Theodoros II., der selbst Kreter ist, ein Totengedenken für die Wegbereiter des Konzils stattgefunden, die dessen Zustandekommen nicht mehr erleben durften. Unter ihnen der 2011 verstorbene Metropolit von Österreich, Michail Staikos. Er war ein besonderer Freund von Vorarlberg, oft in der Mehrerau als Gast und Jahr für Jahr zu Dreikönig im Bregenzer Hafen, wo er nach orthodoxem Brauch den Bodensee zu segnen pflegte.