Terrormiliz beansprucht Angriff mit Axt für sich

Politik / 19.07.2016 • 22:46 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Spurensuche an einem früheren Wohnort des mutmaßlichen Täters – einem Heim in Ochsenfurt. Der Jugendliche galt als unauffällig.  Foto: AP
Spurensuche an einem früheren Wohnort des mutmaßlichen Täters – einem Heim in Ochsenfurt. Der Jugendliche galt als unauffällig. Foto: AP

Afghane geht in bayrischem Zug auf Fahrgäste los. Bekenner­video aufgetaucht.

würzburg. Der Axt-Angriff in einem Regionalzug bei Würzburg in Deutschland hat nach bisherigen Erkenntnissen der Ermittler einen islamistischen Hintergrund. Der 17-jährige Täter aus Afghanistan habe sich an Nicht-Muslimen rächen wollen, die seinen Glaubensbrüdern Leid angetan hätten, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Erik Ohlenschlager am Dienstag. Bei dem Angriff am Montagabend (die VN berichteten) waren fünf Menschen verletzt worden, zwei von ihnen schwebten noch in Lebensgefahr. Unter den Opfern waren eine Familie aus Hongkong und eine Passantin.

„Ungläubige“ töten

Der junge Mann war offenbar mit dem Entschluss in den Regionalzug bei Würzburg-Heidingsfeld gestiegen, ihm unbekannte „Ungläubige“ umzubringen. Er ging mit einer Axt und einem Messer auf die Fahrgäste los. Als die Notbremse betätigt wurde, sprang er aus dem Zug, flüchtete und griff noch eine Spaziergängerin an. Ein Spezialeinsatzkommando der Polizei, das zufällig wegen eines anderen Einsatzes in der Nähe gewesen war, nahm die Verfolgung auf. Als der Afghane mit der Axt auf die Beamten losging, wurde er erschossen.

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hatte wenige Stunden später die Tat für sich beansprucht. Außerdem wurde ein Bekennervideo veröffentlicht, das den mutmaßlichen Attentäter vor der Tat zeigen soll. Als möglicher Auslöser für den Angriff im Zug komme die Nachricht vom Tod eines Freundes in Afghanistan infrage, sagte Lothar Köhler vom bayerischen Landeskriminalamt. Am vergangenen Samstag habe der 17-Jährige davon erfahren. Dies habe großen Eindruck auf ihn gemacht und ihn nachhaltig verändert.

Es gebe keine Beweise, dass der Täter sich bereits vor seiner Einreise am 30. Juni 2015 als Flüchtling nach Deutschland radikalisiert habe, so Staatsanwalt Ohlenschlager. Auch seien konkrete Verbindungen zum IS nicht belegt, selbst wenn der Angreifer wohl eine Sympathie für die Terrorgruppe gehabt habe. Während der Tat habe er mehrmals „Allahu akbar“ („Gott ist groß“) gerufen, so LKA-Ermittler Köhler.

Bei Pflegefamilie gelebt

Der Afghane wohnte zuerst in einem Heim und später bei einer Pflegefamilie. In seinem Zimmer wurde ein Block mit einem IS-Symbol gefunden sowie einer Textpassage, die wohl ein Abschiedsbrief an seinen Vater ist. Darin beklagte sich der Jugendliche „über Ungläubige und Taten, die diesen Ungläubigen zuzurechnen sind“. Vor allem eine Passage untermauere die Vermutung, dass die Tat mit einer islamistischen Überzeugung in Verbindung gebracht werden müsse. Der Jugendliche habe geschrieben: „Jetzt bete für mich, dass ich mich an diesen Ungläubigen rächen kann, und bete für mich, dass ich in den Himmel komme.“

Bekenntnis zum IS

Im vom IS-Sprachrohr Amak veröffentlichten Video bekennt sich ein junger Mann zum IS, der der spätere Attentäter sein soll. „Ich bin ein Soldat des Islamischen Staates und beginne eine heilige Operation in Deutschland.“ Dabei hält er ein Messer in der Hand und erklärt weiter: „Wenn Gott will und ich Luft und Blut in meinem Körper habe, werde ich bis zum letzten Moment kämpfen. So Gott will, werde ich Euch mit diesem Messer abschlachten und Eure Schädel mit Äxten einschlagen.“ Noch sind die Ermittler nicht sicher, ob das Video den Attentäter aus dem Regionalzug zeigt.

Bisher sei der 17-Jährige strafrechtlich nicht in Erscheinung getreten, erklärte der LKA-Ermittler in Würzburg weiter. Er sei „polizeilich ein völlig unbeschriebenes Blatt“ gewesen, so Köhler. „Auch die Nachrichtendienste hätten ihn nicht registriert.“ Der Jugendliche sei ein gläubiger Muslim gewesen, der aber nicht regelmäßig in die Moschee gegangen sei und privat gebetet habe. Auch Zeugen fiel er bisher nicht als aggressiv oder reizbar auf. Nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft war die Tat daher nicht vorhersehbar.