Neuer Österreich-Sender

Politik / 21.07.2016 • 22:26 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Grasl fordert mehr regionale Berichterstattung und spricht sich gegen die Alleingeschäftsführung aus. Fotos: VN/Hofmeister
Grasl fordert mehr regionale Berichterstattung und spricht sich gegen die Alleingeschäftsführung aus. Fotos: VN/Hofmeister

Inwieweit ist der ORF vom Leitmedium zum „Gleitmedium“ geworden, wie es der langjährige Programm-Direktor Wolfgang Lorenz in der Kleinen Zeitung sagte?

Grasl: Die Stellung des ORF ist in den letzten Jahren gesunken, seine signifikante Rolle in Österreich ist reduziert. Wir müssen wieder die Themenführerschaft und auch humanitäre Verantwortung übernehmen. Wir müssen Diskurs erlauben, Meinungen aufeinanderprallen lassen und gleichzeitig den konstruktiven Journalismus stärken.

Es gibt die Befürchtung, dass Sie einen zentral Informationsverantwortlichen einsetzen könnten.

Grasl: Das würde ich nie tun. Mein Konzept ist es, einen Informationsverantwortlichen für Fernsehen, einen für Radio und einen für Online einzusetzen und unter ihnen für jeden Kanal einen eigenen Chefredakteur zu stellen. Auch würde ich die Kollegen weisungsfrei stellen. Generaldirektor Alexander Wrabetz möchte hingegen am Weisungsrecht festhalten.

Er möchte ja auch an der Alleingeschäftsführung festhalten.

Grasl: Ja, hier gibt es einen großen Unterschied in unseren Zugängen. Ich möchte einen Vorstand, der aus fünf Personen besteht und gemeinsam entscheidet. Zusätzlich möchte ich zwei Landesdirektoren in den Vorstand hinzuziehen – ob mit Stimmrecht oder beratend, wird zu klären sein. Ganz generell ist es wichtig, dass die Landesstudios mehr Autonomie erhalten und auf Basis von Finanz- und Personalvorgaben ihre eigenen Entscheidungen treffen können.

Die jüngsten Errungenschaften im ORF waren vor allem bundesländerbezogene Projekte, zum Beispiel das Früh-Fernsehen. Wie bilanzieren Sie hier?

Grasl: Wir kämpfen auf dem internationalen Markt mit YouTube, Netflix, Privatsendern und Co. Wenn bei uns eine amerikanische Serie läuft, war sie schon fünf Mal woanders. Das kann also nicht unser Zukunftsmodell sein. Ich trete deshalb unter anderem für eine starke regionale Berichterstattung ein. Die Form des Früh-Fernsehens ist noch verbesserbar. Nur regionalisierte Geschichten zu senden und weltweite Ereignisse auszublenden, ist nicht optimal. Wir müssen dort sein, wo was los ist.

Aber das regionale Programm soll ausgebaut werden?

Grasl: Ich möchte wie die BBC eine kurze Sendung in den späteren Abendstunden rund um die ZiB2 einführen. Also fünf Minuten, in denen die wichtigsten wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Ereignisse aus den jeweiligen Bundesländern zusammengefasst werden. Das wäre echt regionalisiert, nicht wie das Frühstücksfernsehen, wo ich auch im Burgenland sehe, was in Vorarlberg los ist. Außerdem denke ich über einen zusätzlichen Spartenkanal neben ORFIII und Sport Plus nach. Es soll ein reiner Österreich-Kanal werden, wo wir Informationssendungen, Dokumentationen und Filme zeigen sowie besser auf die Ressourcen der Landesstudios zurückgreifen. Auch könnten wir Programme wie das Österreich-Bild dort weiterverwerten und den Kanal anderen Marktteilnehmern – Fernsehsendern, Verlagshäusern – öffnen.

Ab wann soll es den Kanal geben?

Grasl: Das ist schon ab 2017 möglich. Ich will nicht wie Alexander Wrabetz, dass der ORF ein Social-Media-Haus wird. Schließlich soll der ORF genau das Gegenteil sein, er soll hinterfragen, analysieren, vertiefen, einzuordnen helfen – und sein wichtiges Asset, die regionale Berichterstattung, stärken.

Hat Vorarlberg den richtigen Landesdirektor?

Grasl: Markus Klement hat das Landesstudio finanziell und ökonomisch hervorragend geführt. Er hat einen neuen, aber nicht immer den leichtesten Weg gewählt. Umschichtungen im Landesstudio hat er gut und wirtschaftlich gemanagt. Er hat sicher auch angeeckt, aber im guten Sinne des Wortes.

Zur Person

Richard Grasl

Kaufmännischer ORF-Direktor

Geboren: 21. Jänner 1973, St. Pölten

Laufbahn: BWL-Studium, ab 1992 im ORF NÖ, ab 1999 Redaktion der ZiB2, ab 2002 Chefredakteur des ORF NÖ, seit 2010 Finanz-Direktor