Terroranschlag im Gotteshaus

Politik / 26.07.2016 • 22:45 Uhr / 7 Minuten Lesezeit

Erneut tödliche Gewalt in Frankreich. Diesmal in einer katholischen Kirche.

rouen. (VN) Frankreich kommt nicht zur Ruhe. Am Dienstag wurde wieder ein Terroranschlag verübt. Zwei Angreifer nahmen Geiseln in einer Kirche und töteten den Priester. Die Männer, die laut Staatsanwaltschaft Sprengstoffattrappen, Messer und eine Pistole bei sich trugen, drangen während der Morgenmesse in die katholische Kirche der nordfranzösischen Kleinstadt Saint-Etienne-du-Rouvray ein und nahmen zwei Ordensfrauen und zwei Gläubige als Geiseln. Dem 84-jährigen Priester schnitten sie die Kehle durch. Eine weitere Geisel wurde schwer verletzt, ist aber nach den Worten der Staatsanwaltschaft offenbar außer Lebensgefahr. Eine Nonne hatte die Polizei verständigt und von einer Geiselnahme gesprochen. Die Sicherheitskräfte trafen kurz vor 11 Uhr ein und erschossen die Attentäter, als diese das Gotteshaus verließen.

Auch Bombenexperten waren im Einsatz. Sie durchsuchten die Kirche nach möglichen Sprengsätzen. Die Anrainer wurden von der Polizei aufgefordert, ihre Häuser nicht zu verlassen. Dann übernahm die Anti-Terror-Abteilung der Pariser Staatsanwaltschaft die Ermittlungen.

Mohammed Karabila, Präsident des Regionalen Rates für muslimischen Glauben in der Haute-Normandie, berichtete, einer der Täter sei im Radar der Polizei gewesen und mit dem Wissen der Behörden in die Türkei gereist. „Er wurde von der Polizei mindestens die vergangenen eineinhalb Jahre beobachtet.“ Der zweite Attentäter sei ihm nicht bekannt. Dass der eine Angreifer (19) polizeibekannt war, wurde von französischen Medien bestätigt. Zu diesem Mann gebe es einen Eintrag in einer Datenbank mit als radikalisiert eingestuften Personen, berichtete AFP unter Berufung auf Ermittlerkreise.

Er habe im Vorjahr versucht, nach Syrien zu gelangen, sei aber in der Türkei aufgegriffen und nach Frankreich rückgeführt worden. Dort wurde dem Bericht zufolge nach seiner Rückkehr ein Anklageverfahren gegen ihn eröffnet, unter anderem wegen des Verdachts auf Verbindungen zu einer Terrororganisation. Der Mann kam vorübergehend in Haft und wurde später mit einer elektronischen Fußfessel wieder freigelassen.

Drei Stunden nach der Tat in der Kirche hat der IS über seine Propaganda-Nachrichtenagentur Aamak den Anschlag für sich reklamiert. „Zwei Soldaten“ der Extremistengruppe hätten den Angriff in der Kirche von Saint-Etienne-du-Rouvray verübt, hieß es in einer Erklärung. Die Attacke sei eine Reaktion auf Forderungen des IS, Länder der US-geführten Koalition anzugreifen, die in Syrien und dem Irak gegen die Terrormiliz Luftangriffe fliegt.

Im Zuge der Ermittlungen ist ein Minderjähriger in Polizeigewahrsam genommen worden. Der 16-jährige Algerier sei der jüngere Bruder einer Person, die mit internationalem Haftbefehl gesucht werde. Diese solle im März 2015 mit den Papieren des identifizierten Angreifers aus der Kirche in das irakisch-syrische Gebiet gereist sein. Die Ermittler führten auch Durchsuchungen durch, die am Abend noch andauerten.

Kampf gegen IS

Präsident François Hollande drückte allen Katholiken seine Unterstützung aus, sagte aber auch, der Anschlag treffe alle Franzosen und bekräftige das Land im Kampf gegen den IS. Frankreich ist an der US-geführten Allianz beteiligt, die Luftangriffe gegen die Miliz in Syrien und dem Irak fliegt. Den französischen Katholiken versprach er seine Unterstützung und setzte für Mittwoch ein Treffen mit den Vertretern der Glaubensgemeinschaften an. „Was diese Terroristen wollen, ist, uns zu spalten“, sagte Hollande. Das solle ihnen nicht gelingen.

„Die katholische Kirche kann keine anderen Waffen ergreifen als das Gebet und die Brüderlichkeit unter den Menschen“, kommentierte der Erzbischof von Rouen, Dominique Lebrun, die Gewalttat gegenüber der katholischen Zeitung „Famille Chrétienne“. Die Nachricht habe ihn erreicht, als er mit jugendlichen Gläubigen in Polen das Grab des unter dem kommunistischen Regime ermordeten Priesters Jerzy Popielusko besucht habe.

Land im Ausnahmezustand

Frankreich befindet sich derzeit in höchster Alarmbereitschaft, nachdem bei einem Anschlag in Nizza am 14. Juli 84 Menschen getötet worden waren. Zudem erlebte das Land im vergangenen Jahr eine Serie anderer tödlicher Angriffe, zu denen sich ebenfalls der IS bekannte.

Das Rathaus der nordfranzösischen Kleinstadt Saint-Etienne-du-Rouvray wird von Polizisten bewacht (l.). Der Anschlag wurde in der Kirche – während der Messe – verübt (r.).   FotoS: reuters, afp
Das Rathaus der nordfranzösischen Kleinstadt Saint-Etienne-du-Rouvray wird von Polizisten bewacht (l.). Der Anschlag wurde in der Kirche – während der Messe – verübt (r.).  FotoS: reuters, afp
Ein Horror angesichts der barbarischen Attacke auf eine Kirche. Ganz Frankreich und alle Katholiken sind verletzt worden. Wir stehen zusammen. Manuel Valls, Premierminister Frankreich

Ein Horror angesichts der barbarischen Attacke auf eine Kirche. Ganz Frankreich und alle Katholiken sind verletzt worden. Wir stehen zusammen.

Manuel Valls,

Premierminister Frankreich

Nur wenige Tage nach dem Anschlag von Nizza stürzt es das Land als Gesamtes in tiefen Schmerz. Das Gefühl der Erschütterung reicht über das Gebiet der Stadt hinaus.Hubert Wulfranc, Bgm. Saint-Étienne-de-Rouvray

Nur wenige Tage nach dem Anschlag von Nizza stürzt es das Land als Gesamtes in tiefen Schmerz. Das Gefühl der Erschütterung reicht über das Gebiet der Stadt hinaus.

Hubert Wulfranc, Bgm.
Saint-Étienne-de-Rouvray

Wir sind besonders betroffen, weil diese entsetzliche Gewalt mit der barbarischen Ermordung eines Priesters und mit der Beteiligung von Gläubigen in einer Kirche stattgefunden hat. Papst Franziskus

Wir sind besonders betroffen, weil diese entsetzliche Gewalt mit der barbarischen Ermordung eines Priesters und mit der Beteiligung von Gläubigen in einer Kirche stattgefunden hat.

Papst Franziskus

Ein monströser und teuflischer Akt des Mordes gegen unschuldige Menschen in einem Gotteshaus. Jeden Tag machen die Terroristen deutlich, dass ihnen nichts auf der Welt heilig ist. Ronald Lauder, PräsidentJüdischer Weltkongress

Ein monströser und teuflischer Akt des Mordes gegen unschuldige Menschen in einem Gotteshaus. Jeden Tag machen die Terroristen deutlich, dass ihnen nichts auf der Welt heilig ist.

Ronald Lauder, Präsident

Jüdischer Weltkongress

Attentate in Frankreich 2016

7. Jänner: Am Jahrestag des „Charlie Hebdo“-Anschlags in Paris attackiert ein Mann ein Pariser Polizeirevier mit einem Fleischhackerbeil. Er wird von Beamten erschossen. Bei dem toten Angreifer wird ein Bekennerschreiben mit einer IS-Fahne entdeckt.

13. Juni: Wenige Tage nach dem Beginn der Fußball-EM tötet ein vorbestrafter Islamist in der westlich von Paris gelegenen Ortschaft Magnanville einen Polizisten und dessen Lebensgefährtin. Der Angreifer, der sich in einer Videobotschaft zum IS bekennt, wird von Elitepolizisten erschossen.

14. Juli: Im südfranzösischen Nizza fährt ein 31-jähriger Tunesier nach dem Feuerwerk zum französischen Nationalfeiertag mit einem Lastwagen in die Menschenmenge auf der Strandpromenade. Der Angreifer tötet 84 Menschen, bevor er von der Polizei erschossen wird.

26. Juli: Bei einer Geiselnahme in einer katholischen Kirche in Saint-Etienne-du-Rouvray nahe Rouen töten zwei Angreifer einen 84-jährigen Priester und verletzen eine weitere Geisel lebensgefährlich. Polizisten erschießen die beiden Männer, die sich zum IS bekannt haben.