Wichtigere Wahl?

27.07.2016 • 20:37 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Im Schatten der Bundespräsidentenwahl mit ihren Aufregungen und Irrwegen steht eine andere, kaum weniger bedeutsame Wahl: jene für das Amt des ORF-Generaldirektors. Dieser wird am 9. August vom Stiftungsrat des ORF gekürt, die Bewerbungsfrist endet heute Donnerstag. Angetreten sind der amtierende ORF-Chef Alexander Wrabetz und der bisherige Finanzdirektor Richard Grasl. Für Wrabetz spricht in dessen eigenen Worten „die langjährige Erfahrung und erfolgreiche Entwicklung des ORF“. Als Konzept propagiert er die Weiterentwicklung von ORF 1 mit großer eigenproduzierter Unterhaltung (neue Formate im Bereich Comedy und Satire), den Ausbau bzw. Halten der großen Sportereignisse und die Stärkung der Social-Media-Aktivitäten; der ORF solle sanft aber konsequent weiterentwickelt werden.

Klingt ganz ordentlich, aber, mit Verlaub, zumindest aus der Sicht eines Journalisten, doch etwas vage. Der 1960 geborene Wrabetz steht seit genau einem Jahrzehnt an der Spitze des ORF. Der promovierte Doktor der Rechtswissenschaften ging in die Wirtschaft (zuerst Bank, dann ÖIAG und Voest Alpine). Er engagierte sich für die SPÖ und kämpfte an der Seite des inzwischen zurückgetretenen Bundeskanzlers Werner Faymann. Im Gegensatz zum SPÖ-nahen Juristen Wrabetz, einem Mann der Wirtschaft und Politik, verfolgte der ÖVP-affine Ökonom Grasl konsequent eine journalistische Laufbahn: Er war als Redakteur und als TV-Moderator beim ORF Niederösterreich, später in der Redaktion von ZiB2 und dann als Chefredakteur des ORF Niederösterreich zuständig für die Nachrichtensendungen des Landesstudios. Seit 2010 ist er kaufmännischer Direktor des ORF.

Grasl hat das Unternehmen nachhaltig saniert, ohne dieses, wie er betont, „zu Tode zu sparen“. Seit er sein Amt bekleidet, schreibt der ORF schwarze Zahlen, zuvor hatte der ORF 100 Millionen Verluste verzeichnete. Doch Grasl blickt in die Zukunft; er plant eine umfangreiche Neustrukturierung und zahlreiche neue Programme, um, in seinen Worten, den ORF mit dem Ausbau der Informationssendungen und, auf ORF 1, einer Erweiterung der österreichischen Inhalte statt der Übernahme amerikanischer Serien, zukunftsfit zu machen. Grasl setzt auf eine integrierte Cross Media Strategie unter der Maxime „online first“ und „mobile first“. Intern will er das Vorstandsprinzip statt der bisherigen Alleingeschäftsführung einführen. Grasl plant, die Unternehmenskultur nachhaltig zu verbessern, der ORF soll, mehr noch als bisher, ein „great place to work“ werden. Ein Katalog wohlüberlegter Neuerungen und Maßnahmen; vor allem würde Grasl als journalistischer Insider und Praktiker (und nicht als Parteimann) an die Spitze des ORF treten. Wer künftig am Steuer des Supertankers ORF stehen wird, ist für die Zukunft dieser Nation mindestens so wichtig wie die Besetzung der kaiserlichen Prunkräume in der Hofburg. Grasl, so scheint mir, wäre der richtige Mann.

Wer künftig am Steuer des Supertankers ORF stehen wird, ist für die Zukunft dieser Nation wichtig.

charles.ritterband@vorarlbergernachrichten.at
Dr. Charles E. Ritterband ist Journalist und Autor sowie langjähriger
Auslandskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (seit 2001 in Wien).