„Betriebe müssen an ihre Zukunft denken“

29.07.2016 • 20:26 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Stöger wünscht sich eine einjährige überbetriebliche Lehre, die Jugend­lichen den Weg in die Praxis erleichtern soll.  VN/Hofmeister
Stöger wünscht sich eine einjährige überbetriebliche Lehre, die Jugend­lichen den Weg in die Praxis erleichtern soll.  VN/Hofmeister

Stöger will Jugend „jobfit“ machen: Firmen sollen von sich aus Lehrplätze schaffen.

Bregenz. Betriebe sollten nicht nur wegen Förderungen Lehrstellen schaffen, sagt Sozialminister Alois Stöger. Zur Mindestsicherung gibt er sich abwartend. Den Innenminister weist er zurecht.

Die Ausbildungspflicht bis 18 ist beschlossen. Von mehreren Seiten kam die Kritik, dass Lehrlingsbetriebe zu wenig gefördert werden. Stimmt das?

Stöger: Alleine 2016 nehmen wir 160 Millionen Euro für die Lehrstellenförderung in die Hand. Die Qualifikation von Lehrlingen ist für die Betriebe wichtig, wenn diese an ihre Zukunft denken. Sie müssen daher auch aus eigenem Interesse dafür sorgen, dass Jugendliche die richtige Ausbildung in der betrieblichen Praxis bekommen.  

Wird es mit der Ausbildungspflicht mehr überbetriebliche Lehrstellen brauchen?

Stöger: Ja, aber mir wäre lieber, wenn die Ausbildung in den Betrieben stattfindet. Am liebsten wäre es mir, wenn sich die Unternehmen zusammenschließen und mit ihren Interessenvertretern eine einjährige überbetriebliche Ausbildung schaffen. Dort könnten Lehrlinge die wichtigsten Qualifikationen lernen, die sie dann in der Praxis vertiefen.

Eine überbetriebliche Lehre ist teurer als die betriebliche. Wäre es kostengünstiger, zum Beispiel einen Blum-Bonus-Neu in die Betriebe zu stecken?

Stöger: Es ist falsch, wenn der Staat immer alles fördern muss. Es darf auch nicht darum gehen, dass Lehrlinge nur angestellt werden, weil ein Unternehmen eine Förderung bekommt. Lehrlinge sind ja nicht nur ein Aufwand für den Betrieb, sondern auch bereichernd und ein guter Faktor in der Kostenstruktur.

Die Wirtschaft klagt über zu wenig geeignete Lehrlinge.

Stöger: Bei der Ausbildungspflicht geht es darum, zahlreiche Jugendliche erst jobfit zu machen. Hier sehe ich es als öffentliche Aufgabe, zu helfen. Zum Beispiel mit der erwähnten einjährigen Ausbildung zu den Grundfertigkeiten. Dazu gehört auch gezieltes Jugendcoaching.

Gibt es zur Mindestsicherung Gespräche mit der ÖVP oder warten Sie, bis sie sich intern einigt?

Stöger: Ich warte, bin aber immer in Gesprächen mit ihr.

Haben die vergangenen Treffen mit den Sozialreferenten der Länder nichts gebracht?

Stöger: Es gibt einen mit allen Ländern abgestimmten Vorschlag. Wir wollen sicherstellen, dass Mindestsicherungsempfänger ein Dach über dem Kopf und ausreichend zu essen haben. Auch müssen sie dazu angehalten werden, zu arbeiten. Wer Hilfe zur Arbeit und Integration ablehnt, dem wird die Mindestsicherung gestrichen. Da sind wir uns einig. Grundsätzlich auch mit Niederösterreich – abgesehen von der sogenannten Obergrenze bei 1500 Euro. Und plötzlich gibt es Zwischenrufe von Personen, die sich im Detail nicht einmal auskennen.

Beziehen Sie sich auf Innenminister Sobotka (ÖVP)? Er stellte schärfere Forderungen. 

Stöger: Die Vorschläge werden nicht besser, sondern sind alle dem Populismus geschuldet. Damit können wir keine Probleme lösen.

Hat Sie überrascht, dass sich der Innenminister zu Wort gemeldet hat?

Stöger: Bitte ersparen Sie mir eine Aussage dazu.

Wie groß sind die Chancen, dass Sie noch zu einer Einigung kommen?

Stöger: Ich bin bereit für eine Einigung.

Das wird auch der Innenminister bekräftigen.

Stöger: Der Innenminister ist für das alles nicht einmal zuständig. Er hat in seiner Funktion so viele andere Aufgaben und ich freue mich, wenn er diese zu 100 Prozent erledigt.

Die Nachbarschaftshilfe wurde in Vorarlberg eingestellt, wie geht es jetzt weiter?

Stöger: Ich habe den Vorschlag gemacht, den Dienstleistungsscheck für Asylwerber zu öffnen. 

Die ÖVP lehnt das ab.

Stöger: Der Dienstleistungsscheck ist von der ÖVP unter dem damaligen Wirtschaftsminister Martin Bartenstein eingeführt worden. Jetzt könnten wir ihn auf Asylwerber ausweiten.

Die ÖVP glaubt, dass das mehr Asylwerber anziehen wird.

Stöger: Die Frage ist doch vielmehr: Geben wir den Menschen, die bei uns leben, eine Chance, auch einen Beitrag zu leisten? 

Der Vorarlberger SP-Chef Michael Ritsch hat vorgeschlagen, den Arbeitsmarkt generell für Asylwerber zu öffnen.

Stöger: Das wird nicht am ersten Tag des Grenzübertritts möglich sein. Ich kann mir aber vorstellen, dass sie nicht die gesamte Dauer des Asylverfahrens abwarten müssen.