Der türkische Präsident driftet vom Westen ab

Politik / 31.07.2016 • 22:43 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Erdogan kritisiert die USA und Österreich. In der Türkei will er Kontrolle über das Militär.

Istanbul. (H. Gstrein) In der Türkei setzt Präsident Recep Tayyip Erdogan seine politische Ausschlachtung des militärischen Umsturzversuches vom 15. Juli fort. Während auf Istanbuls neuem „Verräterfriedhof“ am Wochenende die ersten Putschisten namenlos verscharrt wurden, war in Ankara der Präsidentenpalast Schauplatz eines prächtigen Staatsaktes zur Heldenehrung von Gefallenen und Verwundeten auf der Regimeseite. Erdogan erwies sich dabei als ebenso gerissener wie mitreißender Redner, vergoss Tränen und verzieh sogar seinen Beleidigern, die nun nicht vor Gericht und ins Gefängnis müssen. Inzwischen gibt es ja mit dem Aufstand viel schlimmere Vergehen als Präsidentenkarikaturen und -witze.

Neben dem diesmal gnädigen Erdogan übernahm sein Premier Binali Yildirim die Rolle des Wüterichs. Er nahm ausländische Hintermänner des Putsches aufs Korn, die USA an erster Stelle. Auch Österreich bekam seinen Teil ab, wobei Erdogan selbst noch einmal kräftig nachlegte: Beide warfen der Bundesregierung mangelnde Meinungsfreiheit vor, weil sie sich gegen Pro-Erdogan-Demonstrationen von Österreich-Türken stellt.

Auch die Schließung des zwar türkischen, aber mit Nato und CIA verknüpften Militärflughafens Akinci bei Ankara wurde verlautbart. Am Sonntag flammte dort aber Widerstand gegen die Sperrung auf. Ebenso in der über 200-jährigen Marineakademie auf der Insel Chalki, deren Fortbestand genauso gefährdet ist.

Yildirim ließ durchblicken, dass es dem direkt westlichen Fliegerhorst Incirlik bald ähnlich ergehen könnte. Beobachter warten gespannt, wie sich die Selbstisolierung Ankaras von seinen traditionellen Verbündeten bis zum geplanten Treffen Erdogans mit Kremlchef Wladimir Putin weiterentwickeln wird. Jedenfalls ist am Sonntag überraschend US-General­stabschef Joseph Dunford als eine Art Krisenfeuerwehr in der Türkei eingetroffen.

Als Vorwand für seine plötzlich antiamerikanische Haltung dient Erdogan der Aufenthalt seines Sündenbocks, des Islamreformers Fethullah Gülen, in den Vereinigten Staaten. Wer Gülen schon näher aus der Zeit kennt, als er noch in der Türkei lebte, kann ihn nicht für den Drahtzieher von allem und jedem halten, was ihm jetzt politisch von Erdogan vorgeworfen wird.

Gülen ist kein Umstürzler

Dem Schüler des kurdischen Mystikers Said Nursi ist wohl vorzuhalten, dass er dessen Lehre zu stark in Richtung eines Volksislams mit modernistischem Anstrich verwässert hat. Dazu war er mit Schaffung von raiffeisenähnlichen Islambanken, Medienkonzernen in Form von Pressvereinen und einem enormen Privatschulwesen – sie alle wurden ihm von Erdogan in den letzten drei Jahren weggenommen – ein überaus tüchtiger Unternehmer. Verschwörer und Umstürzler passt einfach nicht zu Gülen. Seine Stärke ist – wie schon die des Said Nursi – der gewaltlose Widerstand.

Kümmert euch um eure eigenen Angelegenheiten.

Recep Tayyip Erdogan