Kathrin Stainer-Hämmerle

Kommentar

Kathrin Stainer-Hämmerle

Angstgefühle

16.08.2016 • 20:40 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Umfassendes Erschrecken löst die Schlagzeile „Messerattacke in Zug“ aus. Vorgestern gleich hinter der Schweizer Grenze, gestern mitten im Rheintal, und morgen erreicht der Terror vielleicht bereits den eigenen Waggon. Doch halt: Es waren keine IS-Kämpfer mit ausgeklügeltem Plan zur Unterwanderung unserer Gesellschaft, sondern offenbar geistig verwirrte Täter, die wahllos zufällig Anwesende attackierten.

Minütlich auf uns einprasselnde Informationen erschweren Gelassenheit und Differenzierung bei dieser wahrscheinlich auch zufälligen Abfolge von gleichartigen Ereignissen. Schließlich beherrscht inzwischen ein Thema all unsere Sorgen: Die Angst, Opfer eines Terroranschlags zu werden, verdrängte in einer kürzlich präsentierten Umfrage persönliche Sorgen um die Sicherheit des Arbeitsplatzes oder um die eigene Gesundheit. Dieses Bedrohungsgefühl führt vielleicht auch bei uns bald dazu, dass ein paar Böller zu einer Massenpanik mit 70 Leichtverletzten führen, wie kürzlich in Südfrankreich.

In Vorarlberg leben sicher mehr Lottogewinner als Terroropfer, dennoch rechnen nicht 88 Prozent mit sechs Richtigen beim Tippen. Trockene Statistik hilft gegen persönliche Gefühle wenig, daher versucht die Politik mit Integrationsbericht und Notverordnung gegenzusteuern. Das gelingt aber nur, wenn sich die Regierungsparteien in Ausrichtung und Strategie der Maßnahmen einig werden – und zwar auf Bundes- und Landesebene, wenn schon die EU in der Frage der Regelung von Zuwanderung und Asyl so erbärmlich versagt.

Die Zeichen zwischen SPÖ und ÖVP stehen dafür grundsätzlich nicht schlecht, vielleicht gelingt eine Einigung über Mindestsicherung, Wohnsitzpflicht und Grenzüberwachung. Im Kampf um die Hofburg spielen Kandidaten der beiden Parteien ja keine Rolle mehr, und so müsste der bald in die heiße Phase eintretende Wahlkampf die Regierungsarbeit nicht stören. Müsste … wohl gemerkt.

Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) und Integrationsminister Sebastian Kurz (ÖVP) haben jedenfalls gemeinsame Ziele: Reduzierung der Zuwanderung und Integration der bereits anerkannten Asylsuchenden. Zeit, Geduld und konkrete Maßnahmen brauche es dafür, erläutert der Verfasser des Integrationsberichts, Heinz Faßmann. Deutsch- und Wertekurse sowie Qualifizierungsmaßnahmen für den Arbeitsmarkt meint Faßmann mit „konkret“, warnt aber vor unrealistischen Erwartungen. Sollte nach fünf Jahren die Hälfte der Zuwanderer im Arbeitsmarkt Aufnahme finden, wäre dies eine gute Leistung.

Integration ist ein langer Weg und mühsamer Prozess, der allen Beteiligten viel abverlangt, aber machbar ist. Mit Angstparolen und Neuwahldrohungen gelingt er sicher nicht, und als Bühne für persönliche Profilierung ist das Thema zu heikel. Die Hälfte der Österreicher meint derzeit, Integration funktioniere gut. Diese Mehrheit sollte die Politik nicht aufs Spiel setzen.

Hier leben mehr Lottogewinner als Terroropfer, dennoch rechnen nicht 88 Prozent mit sechs Richtigen.

kathrin.stainer-haemmerle@vorarlbergernachrichten.at
FH-Prof. Kathrin Stainer-Hämmerle, eine gebürtige Lustenauerin,
lehrt Politikwissenschaften an der FH Kärnten.