Leben mit der Angst

17.08.2016 • 20:47 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Nach Deutschland haben sich nun auch in der Schweiz und kurz darauf in Österreich – blutige Attacken auf Passagiere in Eisenbahnzügen ereignet. Obwohl offenbar von geistesgestörten Tätern und nicht von Terroristen verübt, liegt das Phänomen Nachahmungseffekt („copycat crime“), inspiriert von den Terrorakten der letzten Monate, nahe.

 Jedenfalls: Es gibt eine Zunahme an plötzlichen Bluttaten, zudem an abgelegenen Orten, wo diese am wenigsten zu erwarten wären. Terror oder Amok: Die Angst geht um in Europa. Angst ist per definitionem stets irrational. Lässt sich Terrorangst rational in den Griff bekommen?

 Die Briten sind wie immer pragmatisch, statt dass sie dramatisieren. Nach Einschätzung der britischen Sicherheitsorgane sind Terrorangriffe in Großbritannien in naher Zukunft „mit großer Wahrscheinlichkeit“ zu erwarten. Deshalb hat das britische „National Counter Terrorism Security Office“ (Nactso) der Bevölkerung unter dem Motto „stay safe“ eine Reihe von Verhaltensmaßnahmen in einem professionell gemachten, durch die Medien weit verbreiteten Video vor Augen geführt. Im Falle einer Attacke solle man möglichst rasch das Weite suchen und sich verstecken, statt sich „tot zu stellen“. Mobiltelefone sollten sofort auf lautlos geschaltet werden, dass man den Angreifern sein Versteck nicht verrät. Doch nicht kugelsichere Verstecke seien prinzipiell unsicher, denn Geschosse durchschlagen auch Metall, Glas und Backsteinwände. So lauten einige der Überlebenstipps.

 

Der Risiko-Analyst Tom Pollock stellt im britischen „Independent“ die provokative Frage: „Haben Sie den Eindruck, dass heute die Wahrscheinlichkeit höher denn je ist, Opfer einer Terrorattacke zu werden? Sie irren sich.“ Frankreich hatte in den letzten beiden Jahren insgesamt 247 Terror-Todesopfer (bei 66 Millionen Einwohnern) zu verzeichnen. Das Risiko, bei einem Terrorangriff ums Leben zu kommen, liege bei weniger als zwei Zehntausendstel Prozent, und ist damit 27 Mal geringer, als Opfer eines Verkehrsunfalls zu werden. Wenn wir uns irrationaler Panik und Rachefantasien hingeben, unterstützen wir genau die Taktik der Terroristen, Angst und maximale Unsicherheit zu verbreiten.

 

Westeuropa sei nach wie vor friedlicher und sicherer als je zuvor in der Menschheitsgeschichte, vor allem aber sicherer als andere Weltregionen, argumentiert Prof. Adrian Gallagher, Experte für internationale Sicherheit an der Universität Leeds. Weltweit seien 100.000 Terrortote zwischen 2001 und 2014 zu beklagen gewesen, aber „lediglich“ 420 von diesen in Westeuropa. Wie lautet doch die entsprechende Redewendung? „Die Dinge in die richtige Perspektive rücken.“

Wenn wir uns irrationaler Panik und Rachefantasien hingeben, unterstützen wir genau die Taktik der Terroristen, Angst und maximale Unsicherheit zu verbreiten.

charles.ritterband@vorarlbergernachrichten.at
Dr. Charles E. Ritterband ist Journalist und Autor sowie langjähriger
Auslandskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (seit 2001 in Wien).