Ein Blutbad signalisiert Umbruch

Politik / 21.08.2016 • 22:29 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Aufgedeckt und eingesperrt: Journalist Can Dündar. foto: afp
Aufgedeckt und eingesperrt: Journalist Can Dündar. foto: afp

Menschenrechtler sehen IS und auch Geheimdienst MIT in Anschlag involviert.

Heinz Gstrein

ankara, gaziantep. Zu nahe der Grenze liegt die türkische Pistazienstadt Antep. Eigentlich sollte sie zu Syrien gehören. Denn dort lebten von osmanischen Beamten und Militärs abgesehen fast nur Araber, die Umgebung war kurdisch. Doch 1921 eroberten Freischärler des türkischen Nationalisten Sahin Bey die Stadt. Seitdem wird sie ihm zu Ehren Gaziantep genannt, das „Antep des Helden“.

„Antep des Blutbads“ müsste sie eigentlich seit diesem Samstagabend heißen, seit ein Selbstmordbomber zumindest 50 Gäste einer Kurdenhochzeit mit sich in den Tod riss und weitere 100 schwer verletzte. Machthaber Recep Tayyip Erdogan macht dafür persönlich die Terrormiliz Islamischer Staat IS verantwortlich, Menschenrechtsbeobachter sehen hingegen den türkischen Geheimdienst MIT am Werk – oder auch beide, da sie ja unter einer Decke stecken. Der Mann, von dem das aufgedeckt wurde, Chefredakteur Can Dündar, war deswegen eingesperrt und vor den Kadi gezerrt. Jetzt ist er von der Leitung des führenden Oppositionsblattes Cümhüriyet (Republik) zurückgetreten und ins Ausland geflüchtet: „In dieser Erdogan-Diktatur lässt sich keine freie Zeitung mehr machen.“

Hauptgefahr für die Türkei

Es ist nicht das erste Mal, dass antikurdischer Terror von Syrien herüber in die Südtürkei zuschlägt. Diesmal jedoch vor dem Hintergrund eines totalen Kurswechsels der Türkei angesichts des Bürgerkriegs im südlichen Nachbarland: Nach seinem 180-prozentigen Umfaller vor den lange geradezu hysterisch angefeindeten Israelis und Russen biedert sich Erdogan nun auch seinem erklärten Todfeind Baschar al-Assad an und erklärt die Kurden und nicht länger das syrische Regime zur Hauptgefahr für die Türkei – womit er gar nicht so unrecht hat. Nur glaubte Erdogan auf der Welle des zur Islamrevolution entarteten Arabischen Frühlings einfach Assad – wie am Nil zunächst einen Mubarak – hinwegfegen zu können und sich im Rücken der Kurden arabische Gefolgschaft zu sichern.

Diese Kalifenträume sind inzwischen zerstoben und Erdogan muss froh sein, wenn ihm die Türkei erhalten bleibt. Dafür ist nun Assad keine Gefahr mehr: im Gegenteil ein autoritärer Wahlverwandter. Die Folgen für Syriens Kurden lassen nicht auf sich warten. Seit Ende letzter Woche fliegt die syrische Luftwaffe Einsätze gegen kurdische YPG-Stellungen im östlichen Hassaka. All das scheint  überhaupt kein Alleingang Ankara-Damaskus gegen die Kurdengefahr zu sein. Vielmehr ein auch mit Russland und der Islamischen Republik Iran abgekartetes Spiel: So unergiebig die Reise Erdogans zu Putin nach St. Petersburg und die gegenseitigen iranisch-türkischen Außenministerbesuche zunächst schienen, dürften sie doch insgeheim dieser neuen Syrien-Konstellation gegolten haben.