Gerold Riedmann

Kommentar

Gerold Riedmann

Lieben oder verlassen

26.08.2016 • 20:41 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Ya sev ya terk et! Übersetzt bedeutet dieser in der Türkei unter Nationalisten weit verbreitete Satz „Entweder liebe oder verlasse sie!“. Gemeint ist natürlich die Türkei selbst. Dieser Spruch dürfte Vater des Gedankens sein, den Adnan Dincer und die Seinen in diesen „offenen Brief“ mit der recht eingeschränkten Sichtweise gegossen haben. Sebastian Kurz’ Aussagen seien an Feindseligkeit gegenüber der Türkei nicht zu übertreffen, und türkischstämmige Migranten hätten das Vertrauen in Österreich verloren und wollten zurück. Noch Anfang August klang Dincer anders.

 

„Die NBZ ist keine Türkenpartei, sondern eine Fraktion, die sich hier engagiert.“ Das sind die Worte des mittlerweile 74-jährigen Obmanns der Arbeiterkammer-Liste „Neue Bewegung für die Zukunft“, Adnan Dincer. Keine vier Wochen alt ist die Aussage, sie stammt aus demselben Gespräch mit den VN wie dieser Satz, den ich an dieser Stelle noch einmal hervorheben möchte: Türkischstämmige und Urvorarlberger müssten sich an einen Tisch setzen und gemeinsam nach Lösungen suchen. „Tun wir das nicht, eskaliert die Situation und wir haben einen Kampf der Kulturen.“ Außerdem sollten die Politiker behutsamere Worte in den Mund nehmen, und nicht provozieren und Hass schüren.

 

Hätte er bloß seinen eigenen Ratschlag beherzigt. In dieser Woche, in der Vorarlberg über den streckenweise polemischen „offenen Brief“ diskutiert, wirken Dincers frühere Worte wie ein Hohn.

 

Dincer hat seinen bisherigen Weg verlassen, seine eigenen Prinzipien auf dem Altar der Parteipolitik geopfert. Nein, der von seinem Generalsekretär unterzeichnete Brief sei vom gesamten NBZ-Vorstand gutgeheißen, hieß es stolz. Man meine tatsächlich, dass ausreisewilligen Türkischstämmigen die bisher einbezahlten Sozialleistungen wie auch die Beiträge in die Pensionskasse ausgehändigt werden. Und ja, man wisse von Dutzenden Ausreisewilligen. Fakten interessieren da wenig: natürlich gibt es längst Abkommen zwischen der Türkei und Österreich, die die Anrechnung für Pensionszeiten regeln. Aber darum geht es ja gar nicht.

 

Das Einzige, das aufgegangen ist: dass die Arbeiterkammerliste NBZ, um die es recht ruhig geworden war, nach dem VN-Bericht österreichweit in die Schlagzeilen kam. Nun fühlt man sich missverstanden, natürlich. Der Brief zeigt, wie unterschiedlich Empfindsamkeiten innerhalb derselben Gesellschaft sein können – und wie weit unsere Parallelgesellschaften von einander entfernt sind. Fest steht: für die Vorarlberger mit Migrationshintergrund wird sich der Brief als Schuss ins Knie herausstellen.

 

Die Landesregierung, allen voran Landeshauptmann Markus Wallner und Integrationslandesrat Erich Schwärzler, sieht, dass es frisch zurück aus dem Urlaub in Sachen Integration und Zusammenleben recht viel zu tun gibt im ach so heilen Ländle.

 

Wir müssen nicht nur behaupten, dass wir aufeinander zugehen. Wir müssen es auch tun.

Dincer hat seinen bisherigen Weg verlassen, seine eigenen Prinzipien auf dem Altar der Parteipolitik geopfert.

gerold.riedmann@vorarlbergernachrichten.at, Twitter: @geroldriedmann, Tel. 05572/501-320

Gerold Riedmann ist Chefredakteur der Vorarlberger Nachrichten.