Tragödie bei Parndorf erschütterte Europa

Politik / 26.08.2016 • 22:41 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
In diesem Lkw starben die Flüchtlinge. Er war in einer Pannenbucht abgestellt worden.  Foto: APA
In diesem Lkw starben die Flüchtlinge. Er war in einer Pannenbucht abgestellt worden.  Foto: APA

Im Vorjahr erstickten 59 Männer, acht Frauen und vier Kinder qualvoll in einem Lkw.

wien. (VN-ram, apa) Vor genau einem Jahr hat eine Flüchtlingstragödie im Burgenland für Entsetzen gesorgt. Am 27. August 2015 entdeckte ein Mitarbeiter der Asfinag auf der Ostautobahn (A4) bei Parndorf einen 7,5 Tonnen schweren Kühl-Lkw – abgestellt in einer Pannenbucht. In dem Lastwagen befanden sich die Leichen von 71 Flüchtlingen. 59 Männer, acht Frauen und vier Kinder aus Afghanistan, Syrien, dem Irak und dem Iran waren qualvoll erstickt. Nur wenige Tage nachdem der Vorfall bekannt wurde, begann die große Flüchtlingsbewegung nach Mitteleuropa. Seit damals sind viele Maßnahmen getroffen worden, um das Schlepperwesen zu bekämpfen, sagt Gerald Tatzgern, Leiter der Zentralstelle zur Bekämpfung der Schlepperkriminalität und des Menschenhandels im Bundeskriminalamt. Dass es wieder zu einer Tragödie wie bei Parndorf kommt, könne aber nicht ausgeschlossen werden.

Fünf Verdächtige in U-Haft

Die Todesopfer waren zwar in Österreich entdeckt worden, gerichtlich abgehandelt wird der Fall aber in Ungarn. Mit hoher Wahrscheinlichkeit sind die Flüchtlinge noch auf ungarischem Staatsgebiet gestorben. Die Behörden des Nachbarlandes übernahmen im November das Verfahren, zuständig ist die Staatsanwaltschaft Kecskemet. Fünf Verdächtige sitzen derzeit in Untersuchungshaft, Ende Mai wurde sie für weitere drei Monate verlängert. Die Anklageerhebung ist noch offen. Die Staatsanwaltschaft dürfte ihre Arbeit aber bald abschließen. Die Flüchtlinge konnten in dem Lkw nicht mehr als drei Stunden überlebt haben, ermittelte die burgenländische Justiz. Es dauerte Tage, die Leichen zu bergen, erst nach Monaten konnten sie identifiziert werden. Mit der Identifikation und der Abtretung des Strafverfahrens endeten die Ermittlungen der Exekutive im Burgenland.

„Seit dem Vorjahr hat sich einiges getan“, sagt Gerald Tatzgern vom BKA im VN-Gespräch. Die Grenzmaßnahmen seien verstärkt und das Personal entsprechend aufgestockt worden. Auch ein mobiler Scanner werde im Burgenland verwendet, um Fahrzeugräume zu durchleuchten. Tatzgern weist außerdem auf das Joint Operational Office against Human Smuggling Networks mit Sitz in Wien hin, das quasi als operativer Arm von Europol fungiert. „Ausländische Ermittler kommen während einer Operation zu uns, wir arbeiten Schulter an Schulter“, erklärt Tatzgern. Gleichzeitig weist er darauf hin: „So ein Drama wie bei Parndorf könnte jederzeit wieder passieren, sei es in Österreich oder wo anders. Da gibt es keine hundertprozentige Sicherheit.“

Angesichts höherer Flüchtlingszahlen in Italien und den jüngsten Schlepperbewegungen in der Schweiz werde auch der Westen Österreichs genau beobachtet, sagt Tatzgern. „Wir bemühen uns derzeit besonders um eine enge Zusammenarbeit mit den Schweizer Kollegen.“

So eine Katastrophe könnte jederzeit wieder passieren.

Gerald Tatzgern