Michael Prock

Kommentar

Michael Prock

Nationalismus schadet

29.08.2016 • 20:24 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Die Grenzbalken schließen, in der Europäischen Union schwindet die Solidarität, die türkische Diaspora trägt innerstaatliche Konflikte in ihre neue Heimat, deren Integration gilt teilweise als gescheitert, Hilflosigkeit in der Flüchtlingssituation, Ukraine-Konflikt, Autokraten in Russland, der Türkei, in Ungarn – die Bestandsaufnahme aktueller Problemfelder liest sich wie die Einleitung eines apokalyptischen Romans. Regional, national, europäisch, international – die Probleme scheinen vielfältig und grundverschieden. Doch es gibt einen gemeinsamen Nenner: den Nationalismus. Momentan sorgt er wieder für kräftig Dampf im Getriebe der Weltkrisen.

 

Nationalismus hat noch nie Probleme gelöst, aber schon viele verursacht. Im Land wird derzeit über die Integration türkischstämmiger Vorarlberger debattiert. Vor einer Woche entfachte ein offener Brief die Diskussion erneut. Die Fronten sind starr. DIE integrieren sich nicht, WIR wollen sie nicht, DIE lassen uns nicht in die Gesellschaft; UNSER Österreich, UNSERE Türkei, WIR gegen DIE. Gruppen definieren sich über die Herkunft, die Nation. Das blockiert jegliche Bemühung. Da hilft die Forderung des Landeshauptmannes nach einem „klaren Bekenntnis zu Vorarlberg und seinen Werten“ nichts, was auch immer Vorarlberger Werte sein mögen. Es hilft aber auch nichts, sich in eine türkische Fahne einzuwickeln, zu schmollen und mit Rückreise-Polemik einen Streit zu provozieren. Nationalismus hat in der Integrationsdebatte nichts zu suchen. So verlieren alle.

 

Viktor Orban lässt das Ungarntum hochleben, Jarosław Kaczyński macht das in Polen. In Frankreich greift der Front National nach der Macht, in den Niederlanden und in Österreich sind die Nationalstolzen auf dem Vormarsch. Schon jetzt können sich die Staatsoberen der EU-28 (bald 27) auf keine nennenswerten Schritte mehr einigen. Mehrheitsentscheidungen werden von der Minderheit boykottiert – wie aktuell die Verteilung von Flüchtlingen. Orban lässt sein Volk darüber abstimmen. Populisten fordern nationale Abstimmungen bei internationalen Entscheidungen. Schon die EU-Verfassung ist im ersten Anlauf daran gescheitert. Der Nationalismus frisst die EU von innen auf, bis er sie irgendwann komplett verschlungen hat.

In Russland wird in Medien und Politik das Russen­dasein an sich gelobt. Putin habe den Russen wieder Selbstvertrauen gegeben, heißt es. Er fördert Nationalstolz und schürt Ressentiments gegenüber den Staaten westlich der nationalen Grenzen. Er annektiert einen Teil der Ukraine und begründet das mit nationalistischen Argumenten. Die Wirtschaft liegt brach. Ähnliches geschieht in anderen Ländern. Linke Bewegungen zeigen ebenfalls protektionistische, ergo nationalistische, Züge, ob in Spanien oder in Lateinamerika. Der Linkspopulist Hugo Chavez hat so etwa Venezuela in eine tiefe Wirtschaftskrise gestürzt.

 

Die Beispiele ließen sich weiterführen. Ja: Würde sich das Fahnenschwenken auf Spiele des Nationalteams beschränken, würde nicht mit Herkunft und Nation argumentiert – zahlreiche Probleme wären weiterhin da. Aber mit Nationalismen sind sie wesentlich schwerer zu lösen. Ob im kleinen Land oder in der großen Welt.

Der Nationalismus frisst die EU von innen auf, bis er sie irgendwann komplett verschlungen hat.

michael.prock@vorarlbergernachrichten.at, 05572/501-633