Lichtgestalt

Politik / 31.08.2016 • 22:54 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

„Ungeheuer ist viel, doch nichts ungeheurer als der Mensch.“ Diese lakonische und zugleich unendlich pessimistische Feststellung, welche jegliche Vorstellung von „Menschlichkeit“ mit einem Federstrich hinwegwischt, stammt aus „Antigone“ von Sophokles – zu sehen im Wiener Burgtheater. Dieser Satz hämmerte sich in mein Bewusstsein, als ich vor Kurzem das Washingtoner „US Holocaust Memorial Museum“ besuchte. Doch wer hatte vor vierzig Jahren jenen anderen Holocaust wahrgenommen: den von den „Khmer Rouge“ verübten Genozid der Jahre 1975 bis 1979, dem 1,5 bis zwei, vielleicht auch drei Millionen Menschen zum Opfer fielen. Obwohl dieser Massenmord in einer völlig anderen Weltgegend als in Nazideutschland und dessen verbündeten Ländern stattgefunden hatte – verübt von einem kommunistischen und nicht faschistischen Regime –, sind doch die Parallelen zwischen Brutalität, mörderischer Systematik und gnadenloser Menschenverachtung frappant.

 

Ich schreibe diese Zeilen direkt aus Kambodscha. Es gibt Nationen, welche die dunklen Seiten ihrer Vergangenheit tabuisieren, verschweigen, beschönigen – oder ganz einfach vergessen (Österreich beispielsweise – bis vor nicht allzu langer Zeit). Nicht so Kambodscha: Der in der Hauptstadt Phnom Pen angereiste Tourist wird als Erstes an den Stadtrand, nach Choeung Ek, auf das bekannteste aller „Killing Fields“ geschleppt – nur eine Massakerstätte von insgesamt 300 im ganzen Land. Dann geht’s zurück ins Stadtzentrum, wo die Roten Khmer ein noch von der französischen Kolonialmacht errichtetes Gymnasium zum berüchtigten Folter- und Verhörzentrum „S-21“ umfunktioniert hatten. Auch hier präzise Beschreibungen und Skizzen der barbarischen Untaten.

 

Wer Kambodscha bereist, stößt überall auf Stätten des Grauens, die fester Bestandteil der Touristenparcours sind. Schwer lasten über dem südostasiatischen Land die Schatten der Vergangenheit. Doch es gibt hier auch einen weit scheinenden Lichtstrahl: den Zürcher Kinderarzt und Musikclown Beat Richner alias „Beatocello“. In einem Land, in dem einst die Khmer Rouge alle Ärzte ermordet und alle Spitäler zerstört haben, leistet er eine herkulische Aufbauarbeit: Er errichtet mehrere Spitäler, in denen er Zehntausende von Kindern (für die sonst kaum Überlebenschancen bestehen würden) völlig kostenlos behandelt und geht täglich von fünf Uhr bis spät abends auf Visite in die Krankensäle. Sein Mantra, das er vor sich herträgt: „Ohne Gerechtigkeit kann es keinen Frieden geben.“ Unermüdlich kämpft er einen hoffnungslos scheinenden Kampf gegen Epidemien, die allgegenwärtige Korruption und für Minenopfer – und er hat Gewaltiges aus dem Boden gestampft. Ein Albert Schweitzer unserer Tage. Heute ist er zwar ein müder alter Mann – doch bleibt er eine Lichtgestalt, die Hoffnung vermittelt. So kann auch ein Einzelner viel bewirken.

Ohne Gerechtigkeit kann es keinen Frieden geben.

charles.ritterband@vorarlbergernachrichten.at
Dr. Charles E. Ritterband ist Journalist und Autor sowie langjähriger
Auslandskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (seit 2001 in Wien).